Das Märchen vom kleinen Jörg, der ein großer Jörg wurde

© MMXX Agimar N. Edelgranberget

[Diese Geschichte entstand aus aktuellem Anlass.]

***

„Opa?“, fragt Liese sichtlich traurig. 

„Ja, Liese, was bekümmert Dich denn?“, sagt Opa.

„Heute im Sportunterricht ist was voll Gemeines passiert!“, beginnt Liese, so dass sie sich fast mit der Zunge überschlägt.

Opa ist wie immer ganz gelassen. „Sag‘ schon, was ist denn los?“

Und Liese fährt fort: „Heute im Sportunterricht haben wir Völkerball gespielt und dann haben die Ulrike zum Heulen gebracht!“

„Wie das?“, fragt Opa gespannt.

„Naja es war Mädels gegen Buben und dann meinte der Daniel, die Ulrike sei gar kein richtiger Bub, die solle gefälligst bei den Mädels spielen!“

„Gut, also vorweg: Völkerball ist ein ziemlich dummes Spiel, was hat sich euer Lehrer dabei nur gedacht! Ich glaube zweitens, dass ich weiß, welche Ulrike Du meinst, davon hat mir Deine Mutter nach dem Elternabend erzählt. Euer Sportlehrer ist aber auch ungeschickt! Sowas darf man nicht tun, dafür kann die Ulrike ja nichts!“

„Das meinte der Herr Deutschmann ja auch, und dann durfte Ulrike bei den Jungens mitmachen. Aber dann haben die Ulrike die ganze Zeit nur geschubst! Verpiss‘ dich nach drüben, du Kuh, haben sie gerufen! Dann ist die Ulrike auf‘s Mädchenklo und hat eine Viertelstunde geweint. Und dann hat der Herr Deutschmann sie nach Hause geschickt!“

„Was ist denn das für ein Dilettant? Hatte der gar keinen Anstand? — Henk, leg‘ das Dumbphone weg und komm mal rüber, ich möchte euch ein Märchen erzählen.“, fährt Opa fort.

„Och nö!“, sagt Henk, „Märchen sind doch was für Babies!“

„Nicht doch, Henk, ganz im Gegenteil. Märchen sind was für Erwachsene. Kommt beide rüber zum Sofa.“, sagte Opa, der ein begnadeter Geschichtenerzähler war. Also machten es sich die drei gemütlich und Opa beginnt:

„Das Märchen, dass ich euch nun erzähle heißt ‚Der kleine Jörg, der ein großer Jörg wurde‘.

Alles begann, als der kleine Jörg ungefähr so alt war wie Du, Henk. Er wird so um die sieben oder vielleicht acht Jahre alt gewesen sein. Damals hatte er einen guten Freund, den Dennis. Er und Dennis waren unzertrennlich. Sie gingen immer zusammen zur Schule, spielten in der großen Pause miteinander, nach der Schule spielten sie gemeinsam im Wald. Besonders gern spielten sie Doktor und Patient. Da hatten die ihre geheime Praxis, irgendwo im Wald. Sie waren auch beide im örtlichen Fussballverein. Die beiden hatten viel Spaß. Dann musste Dennis umziehen, weil sein Vater Fussballmanager war und er nun einen Verein in Mecklenburg-Vorpommern trainieren sollte. Die beiden haben sich nie wieder gesehen.“

„Das ist aber scheiße!“, unterbricht Henk.

„Finde ich auch! Die waren doch beste Freunde!“, meint Liese.

„So ist das manchmal im Leben. Das sucht man sich nicht raus. Menschen gehen ihrer Wege. Wir verbringen alle unsere Zeit nur vorübergehend miteinander. So ist das.

Jedenfalls, war es wirklich nicht schön für Jörg. Er hatte jetzt keinen besten Freund mehr. Aber das ging vorbei, er fand neue Freunde, er war ja noch im Fussballverein und irgendwann hatte er Dennis auch vergessen.

Jörg wurde älter, und irgendwann nach dem Training unter der Dusche merkte er, dass er die anderen Jungs sehr hübsch fand und da ist ihm etwas unglückliches passiert, für das er gar nichts konnte.“

„Was ist denn passiert?“, fragt Liese.

„Das ist gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass ihm das die anderen ziemlich krumm nahmen. Sie machten sich über ihn lustig, schimpften ihn eine ‚perverse Schwuchtel‘…“

Henk unterbricht: „Das sagen die Hauptschüler auf dem Pausenhof nebenan auch immer zueinander! Was ist eine Schwuchtel?“

„Das ist einer der keine Mädchen schön findet, sondern Buben. Heute ist das kein Problem, aber damals war das ein Problem. Ihr kennt doch unsere Nachbarn, zwei Straßen weiter. Die zwei Männer, die zusammen wohnen…“

„Du meinst die Homoseksellen?“, fragt Liese.

„Genau, die Homosexuellen — Schwuchtel ist ein gemeines Wort, das man damals benutzt hat um Homosexuelle zu verunglimpfen. Die zwei sind verheiratet, sind euch die Ringe aufgefallen? Früher durften nur Menschen heiraten, wenn Sie Mann und Frau sind. Es war sogar bis Mitte der Neunziger für gleichgeschlechtliche Paare verboten, sich zu lieben. Die mussten das verheimlichen!“.

„Warum?“, fragt Liese erstaunt?

Opa erklärt: „Einfach nur deshalb, weil sie nicht so sind, wie alle anderen. Das ist der Mehrheit der Leute schon Grund genug. Aber nun lasst mich weiter erzählen: für Jörg wurde es deshalb schwierig im Verein, er wurde beschimpft, rumgeschubst…“

Liese: „Genau wie Ulrike!“

Henk: „Wer ist denn Ulrike?“

Opa: „Ulrike ist der Grund, warum ich Euch das Märchen erzähle. Sie hat eine unklares Geschlecht, sie ist kein Mädchen, aber auch kein Junge — sie sitzt sozusagen zwischen den Stühlen — Liese hat mir vorhin erzählt, dass man sie heute im Schulunterricht deshalb gemobbt hat. Okay, weiter: Jörg verließ den Verein, aber es dauerte nicht lange, da wussten auch bei ihm an der Schule alle Bescheid, was damals unter der Dusche passiert ist, vielleicht hat ein Bruder eines Klassenkameraden von ihm das weitererzählt, und so wurde es auch im der Schule für ihn immer schwieriger. Er wurde gemobbt, es war schlimm. Die Jungs wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben, erst als er vierzehn war wurde es besser, weil er dann plötzlich viele Freundinnen hatte. Zumindest die mochten ihn. Außerdem wurde der Paragraph 175, der die Liebe z.B. von zwei Männern verbot, maßgeblich aufgrund von Bürgerrechtsbewegungen von Linken und der Partei der Freunde der Freiheit, abgeschafft. Jörg war jetzt also kein Krimineller mehr.

Mit fünfzehn trat er dann, weil er trotz allem triumphistisch ist, denn er war auf einer triumphistischen Schule, in die junge KTO ein…“

Henk: „Was ist die KTO?“

Opa: „Das ist die Konservative Triumphisten Organisation, eine Partei in Deutschland, die sich dafür einsetzt, dass alles so bleibt wie es ist.“

Henk: „Das glaube ich nicht, das ist doch aber dumm von ihm!“

Liese: „Opa, Du hast doch eben gesagt, dass Männer früher nicht heiraten durften! Wenn er sich dafür einsetzt, dass alles so bleibt wie es ist, dann darf er ja gar nie heiraten!“

Opa: „Ihr seid mir so zwei aufmerksame Füchse! Zunächst einmal ist das gar nicht so blöd: man verändert ja nur dort etwas, wo die Leute eine andere Meinung haben als man selbst! Aber ihr habt schon recht. Die konservativen Triumphisten glauben, dass alles gut ist, so wie es ist. Wer etwas hat, soll es behalten, wer nichts hat soll auch nichts bekommen…“

Liese: „Aber Opa! In der Schule hat der Ethiklehrer doch aber gesagt, die Triumphisten wollen, dass jeder seinen Nächsten ganz doll lieb hat, dass die Armen etwas abbekommen und alle Menschen gleich sind!“

Opa: „Schau, Liese — die Triumphisten sind eine Sekte. Die sagen das nur, weil es schön  klingt und weil sie die leichtgläubigen Leute ausbeuten. Der oberste Führer der Triumphisten lebt in einem goldenen Palast, isst das vornehmste Essen, hat mehr Geld als er selbst ausgeben könnte, aber predigt den Verzicht. In dieser Sekte sind sich nur die Sektenmitglieder selbst am nächsten und sie möchten am allerliebsten, dass alle nur das tun, was sie ihnen vorschreiben. Es sind schändliche Leute. Sie wollen auch nicht, dass alle gleich sind, sie wollen, dass alle so sind wie sie. Notfalls mit Gewalt.

Wie auch immer, erst war er in der jungen KTO, dann in der eigentlichen Partei. Er hatte sich, weil er ja immerhin Triumphist war und sehr gut reden konnte, hervorgetan. Jörg war endlich wer. Die Leute hörten ihm zu. Er legte auch sehr viel wert auf sein Äußeres, war sehr höflich, galant und freundlich. Ich glaube nicht, dass die Parteimitglieder wussten, dass er homosexuell ist, sonst wäre er wohl kaum so früh soweit gekommen.

Richtig bergauf ging es für ihn nach dem Abitur, er konnte nun als Politiker durchstarten. Das ging immer so weiter, für ihn ging es weiter bergauf. Er wurde Mitglied des Parlaments, konnte nebenher studieren, es lief gut für ihn. 2017, als es darum ging, ob Homosexuelle auch heiraten dürfen, etwas wogegen Triumphisten grundsätzlich sind, stimmte er sicherlich dafür, aber der Großteil seiner Partei war dagegen und stimmte dagegen. Doch letztlich konnte das nichts ändern, obwohl sie an der Macht waren, wieder bekam Jörg recht, wenn auch nicht dank der Leute, mit denen er sich umgab.

Dennoch hatte Jörg, weil er jetzt angesehener Politiker war und damit seinen Lebensunterhalt verdiente, auch Angst, er würde eines Tages nicht mehr wiedergewählt werden. Deshalb gewöhnte er sich an, wie ein ordentlicher konservativer Triumphator daherzureden, auf dass er seinen Posten nicht verliere.“

Henk: „Ja aber warum tut er das denn, die haben doch was gegen ihn, die haben doch nie was für ihn getan, warum geht er nicht einfach zu einer anderen Partei?“

Opa: „Weißt Du, im Leben ist das kompliziert. Der Jörg hat richtig viel Geld, darauf will er nicht verzichten, die Leute hören ihm zu, er hat das Gefühl wer zu sein. Er hat in seiner Kindheit soviel Ablehnung erfahren, das möchte er nicht wieder erleben. 

Und vergiss nicht: inzwischen ist er sogar Hygieneminister geworden, hat einen Lobbyisten geheiratet…“

Liese: „Was ist ein Lobbyist?“

Opa: „Das ist jemand, der die Interessen von ein paar über die Interessen von vielen stellt. Weil er kann, weil er Geld hat und Einfluss und dadurch die Demokratie aushebeln kann…“

Henk: „Was ist denn wieder Demokratie?“

Opa: „Demokratie heißt wörtlich Herrschaft des Volks. Das ist ein sogenannter „Euphemismus“, also ein schön klingendes Wort, das die naiven Leute beruhigen soll. In Wirklichkeit hat Demokratie nichts mit der Herrschaft des Volks zu tun, sondern mit der Herrschaft von Unternehmen und Sekten — also allen die Geld haben, Einfluss haben, Macht haben.

Liese: „Ich finde Dein Märchen doof! Was hat das alles mit Ulrike zu tun?“

Henk: „Ich mag das Märchen auch nicht!“

Opa: „Darauf komme ich jetzt zurück. Damals, als es darum ging, ob Männer Männer lieben dürfen oder ob Männer Männer heiraten dürfen, hat dabei das alleroberste Gericht in Deutschland eine wichtige Rolle gespielt: Es hat gesagt: so geht das nicht, das ist unfair. Erinnert ihr euch an Tante Rosa? Die mit der schlimmer Krankheit?

Henk: „Die wo erstickt ist?“

Liese: „Ich vermisse Tante Rosa, die war immer so lieb!“

Opa: „Genau die. Sie hatte Multiple Sklerose, eine schlimme Krankheit. Da wird alles immer schlimmer und man kann nichts machen. Damals wollte sie ein Schlafmittel bekommen, damit sie friedlich einschlafen kann und nicht ersticken muss. Aber da gab es einen Paragraphen 217, genau wie damals den 175, der das verbietet. Also haben sie und andere Betroffene dagegen geklagt. Ein sehr hohes Gericht hat ihnen recht gegeben und gesagt: Sie müssen das Schlafmittel bekommen. Aber da hat Jörg gesagt: Nein. Das gehört sich nicht! Das verbiete ich!“

Liese: Aber der Jörg muss doch machen, was der Richter sagt!“

Opa: „Sehr gut Liese! Aber das ist dem Jörg egal, weil er Politiker ist, kann ihm kein Richter irgend etwas anhaben. Dazu müsste man ihn erst von seiner Immunität entbinden, also dass ein Richter über ihn urteilen kann.

Und dann hat ein paar Jahre später das alleroberste Gericht gesagt: Jörg, so geht das nicht! Die müssen das bekommen. Das war dieses Jahr. Da war die Tante Rosa aber schon erstickt. Und wisst ihr, was der Jörg gemacht hat?“

Henk: „Diesmal musste er sich aber dran halten!“

Liese: „Jetzt muss niemand mehr ersticken, wie Tante Rosa! Schließlich hat das alleroberste Gericht ja auch viel für ihn getan!

Opa: „Ja, das hat es. Aber der Jörg hat einfach wieder nein gesagt“

Liese: „Aber das darf der doch gar nicht!“

Opa: „Nein darf er nicht, aber er benutzt, schlau wie er ist, einen Trick, um sich trotzdem nicht dran halten zu müssen.“

Liese: „Warum ist der Jörg nur so gemein!?“

Henk: „Hoffentlich erstickt der Jörg!“

Opa: „Na, Henk! Wir wollen ja nicht selber gemein sein. Warum glaubt ihr, dass der große Jörg, wo er doch als kleiner Jörg so gelitten hat, so gemein ist?“

Liese: „Weil früher auch alle gemein zum Jörg waren.“

Henk: „Weil man den Jörg beschimpft und geschubst hat, schubst er jetzt andere Leute, oder?“

Opa: „Schaut, Liese, Henk, deshalb habe ich euch das Märchen erzählt. Es gibt ein Sprichwort: Wie man in den Wald hineinruft, so hallt es heraus. Der Jörg musste so viel leiden, jetzt ist es ihm egal, ob andere Leute leiden. Es betrifft ihn ja nicht. Nächstes Mal, wenn jemand die Ulrike beschimpft oder schubst, Liese, dann sagst Du: …“

Liese: „Dann sage ich: Lasst die Ulli in Ruhe, sonst wird sie Polizistin und erschießt euch!“

Veröffentlicht von Agimar N. Edelgranberget

I am insane.

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