An den, den es betreffen mag

© MMXVI Agimar N. Edelgranberget

[Diese Geschichte entstand aus damals aktuellem  Anlass. Wem nicht klar ist, worum es geht, dem sage ich es auch nicht, weil ich diesen Unfug nicht unterstütze.]

***

Heute ist wieder so ein Morgen, da denke ich mal wieder, dass alles gegen mich läuft. Es ist ein Vormittag im Frühling, die Sonne scheint aber es ist trotzdem nicht zu warm. Achtzehn Grad dürften es sein. Was soll’s, es ändert eh nichts. Ich muss eigentlich ins Einkaufszentrum, aber jetzt ist mir eingefallen, dass der Friedhof ja gar nicht so weit weg ist. Ein kleiner Abstecher dahin, warum nicht. Ich liebe Friedhöfe, da kann man ein bisschen allein sein, ein bisschen entschleunigen. Ich laufe also die Straße runter, öffne das schwere schmiedeeiserne Gatter und laufe durch die ordentlichen Reihen. Ich werde nie verstehen, warum die Lebenden einen solchen Zirkus um die Toten machen, also warum sie das überhaupt machen, ich empfinde es als sinnlos, trotzdem gefällt es mir. Die tollen Grabsteine, mit manchmal wirklich schönen Sprüchen garniert, die Blumen. Die Schatten der Bäume. Ich setze mich auf eine Bank und schaue ins Nirgendwo.

Frühling, das ist immer die Zeit, da geht es mir besonders schlecht. Ich weiß gar nicht wieso, das muss irgendwas in mir sein, vielleicht weil sonst alle so glücklich sind, „endlich Frühling!“, alles blüht auf. Nur eben ich nicht. Bestimmt fühle ich mich nur wieder übergangen, wie sonst auch, ausgegrenzt, aber jetzt im Frühling da wird es eben besonders augenfällig. Oder ist es, weil der Winter vorbei ist? Herbst und Winter sind meine Lieblingsjahreszeiten. Wenn alles stirbt, nein nicht stirbt, sich schlafen legt und dann schließlich in ein Kleid der Unschuld gehüllt wird. Aber, nein, dann wacht ja doch wieder alles auf und die Grütze geht von Neuem los.

Die Toten haben es gut, schätze ich. Die bekommen von dem ganzen Quatsch nichts mit. Müssen keine Nachrichten sehen und sind auch von ihren eigenen Gebrechen befreit. Wie die alte Dame dort hinten. Im Grunde wünscht sie sich doch auch, tot zu sein. Wie sie da gebeugt über ihren Stock über den Schotter tröpfelt. Jetzt ist sie wohl angelangt, am Grabe ihres Mannes, beugt sich noch tiefer hinab, so tief, dass ich bezweifle, dass sie jemals wieder alleine hochkommt. Meine Güte. Die Blümchen pflegt sie, mit letzter Kraft. Es ist so traurig, man sieht ihr an wie alleine sie ist. Ach wäre sie doch nur bereits bei ihrem Mann.

Ich sollte wirklich langsam los, aber ich schaffe es nicht, auf zu stehen. Wozu auch, ich habe es nicht eilig. Ich sollte auch die Alte nicht dauernd so anglotzen, aber jetzt fängt die auch noch an die Gießkanne, dieses zehn Liter Ungetüm ans Grab zu schleifen. Es ist nicht auszuhalten. Wieso geht sie nicht einfach nach Hause, legt sich ins Bett und stirbt. Was treibt die denn noch an, was glaubt sie noch zu erreichen. Nein, die Toten, die haben es gut, müssen nichts fühlen, müssen nicht mitfühlen.

Die Alte verdirbt mir zusehends die Stimmung, mir reicht’s. Ich mache mich auf den Weg. Das Silhouettchen gießt und redet mit dem Grabstein. Wenn man nicht vorher schon bekloppt war, wird man es im Alter. Ja, spätestens dann. Warum kümmert sich denn niemand um das Weib?

Endlich bin ich im Einkaufszentrum. Scheiße, ich hätte nicht so auf dem Friedhof herumtrödeln sollen, jetzt ist die Hölle los. Wie sie alle ihr Geld hier herschleifen, nur um sich den neuesten Mist zu kaufen, während anderswo die Menschen verrecken. Und wie sie dabei lachen und glücklich sind. Mal schauen, als erstes steht eine Wasserpistole auf der Liste. Und Kunstblut. Das bekomme ich in der Spielwarenabteilung. Jetzt muss ich an einen Film von Romero denken. Also die ungeschnittene Fassung. Die Frau an der Kasse schaut mich an, als ob sie mich für bekloppt hält. Bestimmt habe ich wieder verträumt gegrinst.

Gut, jetzt brauche ich ein smart-phone. Ich bin eigentlich gegen smart-phones, das einzig smarte daran sind die Hersteller und wie sie ihre Kunden verarschen. Ich weiß noch genau als ich das erste mal 1984 gelesen habe und das für unrealistisch hielt. Ich meine selbst die Stasi hätte so eine Geniestreich niemals durchbekommen. Und heute machen die Leute das von sich aus. Jeder ist sein eigener IM und glücklich dabei. Ich bin so fremd in dieser Welt. Egal, aber jetzt brauche ich natürlich ein smart-phone, denn sonst erreiche ich ja niemanden.

In der Elektroartikelabteilung lasse ich mir das neueste I-phone aufschwatzen, das ist ganz schön teuer, aber ich nehme natürlich einen Vertrag. Mir doch egal. Hauptsache das ist jetzt wasserdicht, ein paar Meter, soviel brauche ich eigentlich gar nicht. Überhaupt. €0,-.  0% Zinsen. Was für Idioten.

Auf der Liste steht noch ein Saugnapf mit einer Öse dran, das bekomme ich bestimmt in der Badezimmerabteilung. Wasserdichter Rucksack – in der Campingabteilung, sagt die Frau an der Information. Ich denke nicht, dass sie mich ernstgenommen hat, aber meinen Geldbeutel, den nimmt sie ernst.

Zu guter Letzt brauche ich noch ein Gewicht, mal schauen, im Anglerladen müsste es Bleigewichte geben.

Das ist so ein Ding mit den Kaufhäusern, also diesen Malls wie das jetzt heißt, da merkt man gar nicht mehr wie man betütelt wird, vor lauter kaufen, kaufen, fressen, scheißen, kaufen, kaufen. In der Mitte ist ein großes Atrium. Ich fahre mit dem Aufzug in den zweiten Stock, da läuft so Musik, die vermutlich der Amoklaufprävention dient, denn obwohl ich als erster eingestiegen bin, kann ich mich jetzt nicht mehr bewegen. Die würden sich doch alle freiwillig in eine Sardinenbüchse klemmen, wenn sie danach was kaufen dürften. Ich schwitze, ich muss hier raus. Zweiter Stock, Atrium, sagt eine debil klingende Frauenstimme. Ich zwänge mich nach draußen. Von hier aus kann man hinunter auf den großen Brunnen mit Fontänen und allem blicken. Da gibt es sogar eine Ecke, die bis über den Brunnen reicht. Da gehe ich hin. Ja, das ist ein schöner Brunnen. Ich blicke hinab. Ja, ja das ist gut. Sonst steht nichts mehr auf der Liste. Ich gehe nach Hause, und zwar auf dem schnellsten Weg.

An den, den es betreffen mag,

Ich halte es einfach nicht mehr aus. Ich kann nicht mehr und ich weiß auch, dass es nicht mehr wird. Ihr habt alles gegeben, ich habe alles gegeben, aber es ist einfach hoffnungslos und es wäre einfach fatal noch mehr Geld in ein ohnehin schon sinkendes Schiff zu investieren. Das macht doch kein vernünftiger Mensch.

Ich habe es wirklich versucht. Aber ich komme mit dieser Existenz einfach nicht mehr zurecht. Klar, mal geht es besser, mal weniger aber ultimativ muss es sinnlos bleiben. Meine Beziehungen waren toll, immer so lange, bis ich sie mutwillig zerstört habe. Ich kann und will das nicht mehr. Ich fühlte mich immer alleine am wohlsten, aber auch das ist kein Zustand. Wie sagte meine Oma immer: Das schlimmste im Alter ist es, allein zu sein. Sie war nie allein gewesen, und doch läuft es am Ende immer darauf hinaus, dass jemand alleine ist. Als ihr letzter Mann starb, war sie es und ist darüber zerbrochen.

Die wenigen Menschen, die mir in dieser Welt etwas bedeutet haben, waren meistens Musiker oder Schriftsteller oder sonstige Künstler, mit denen ich nie in persönlichem Kontakt stand. Was auch gut so war. Zwischenmenschlich halte ich mich für eine  mittlere Katastrophe.

Ich bin jetzt einfach schon zu lange deprimiert und depriviert um zu wissen, was zu tun ist. Es tut mir leid, dass ich die Menschheit, das Menschsein an sich verabscheue, ich kann es nicht ändern. Mir ist klar dass in meiner Kindheit einiges schief gelaufen ist, aus einem entwicklungspsychologischen Blickwinkel. Ich wurde von meinen Eltern geschlagen, angeschrien,  beschimpft, erpresst und psychisch misshandelt. Eigene Interessen wurden systematisch unterbunden oder korrumpiert. In der Schule wurde ich über Jahre gemobbt. Bis heute halte ich mich für einen Taugenichts und mir fällt nichts ein, worin ich gut wäre, oder was man als Talent bezeichnen könnte.

Wie oft habe ich versucht mich umzubringen, bin sogar daran gescheitert, habe versucht auszusteigen, das Ende vom Lied war jedes Mal die Psychiatrie. Für euch, die ihr keine Vorstellung davon habt, die Psychiatrie ist kein Ort wo einem geholfen wird, sondern wo ansonsten oder zeitweilig unnütze Menschen in einen von der Krankenkasse querfinanzierten Pharma-Absatzmarkt umgewandelt werden. Was soll die Psychiatrie helfen gegen ein philosophisches Problem. Gegen ein Leben, eine Neurose, die man bereits erlebt hat. Man müsste ein Amnesie haben und völlig neu wieder rekonstruiert werden. 

Nein, ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut, und ich fühle mich nicht wohl unter euch Nacktaffen. Diese heuchlerische und verlogene Welt. Warum ist der Freitod etwas schlimmes? Wo ist euer Problem. Es ist in Wirklichkeit eine Propagandafrage, denn würde man den Menschen wirklich im Leben halten wollen, müsste man ganz anders mit ihm umgehen. Aber sowas funktioniert ja nicht einmal in der Schweiz oder Norwegen! Der Mensch ist nichts mehr wert, es gibt zu viel von ihm, es wird einfach zu eng. Wir beuten aus, oder werden ausgebeutet. Leben ist Krieg. Ich will nicht mehr krieg führen. Warum kann es nicht einfach suicide-booths à la Futurama geben? Wo ist das Problem. Warum soll man sich nicht selbst abspritzen dürfen, bevor es irgend ein SS-Arzt tut… Mengele, das war ein Schwein von einem Mensch. Aber wie viele Menschen winken wir heute mit unseren weißen Handschuhen ins Versuchslabor oder den sicheren Tod. Immerhin hat es auch Mengele geschafft, seiner „gerechten“ Strafe zu entgehen. Unterscheiden wir uns wirklich so sehr von ihm? Gehen wie heute anders mit Untermenschen, ich meine Tieren um? Es sind ja auch nur Tiere, nicht wahr. Nicht jeder ist seines Glückes Schmied, aber immer ist er doch seines eigenen Unglückes Urheber…

Mengele — ich sehne mich nach meinem Grab!

Mengele, so hab‘ Erbarmen — spritz‘ mich ab…

Ich lege mich schlafen. Es dauert lange, bis ich endlich einschlafe. Ich grüble und grüble, ich bin ganz aufgedreht. Endlich schlafe ich ein. 

Als ich wieder aufwache, bin ich wie jedes mal aufs neue darüber erstaunt, dass ich am Abend aufhöre zu existieren, nur um dann am nächsten morgen plötzlich wieder da zu sein. Kann man nicht einfach nie wieder aufwachen?

Egal, ein neuer Nachmittag, ein neues Unglück. Ich fülle das Kunstblut in die Wasserpistole. Den Saugnapf habe ich hinten an das I-phone angebracht und daran eine Bleikugel befestigt, sodass der Schwerpunkt des Geräts auf der Rückseite liegt. Den Abschiedsbrief packe ich in ein Klarsichthülle die ich sicherheitshalber noch in Frischhaltefolie einwickle. Die Glock, die ich im deep dark web organisiert hatte, checke ich nochmals durch, Magazin i.O., und packe alles zusammen zu den dreihundert Schuss 9mm, an denen ich des Effekts wegen noch ein wenig herum gefeilt hatte.

Ich schließe den Rucksack. 

Ich schaue mich nochmal in der Wohnung um. Wie kahl das alles ist. Auf dem Boden liegen Schlafsack und Isomatte, mein laptop steht auf dem Campingtisch. Ich habe bereits alles auf e-bay  verkauft oder in den Sperrmüll gegeben. Ich kann ja nicht verlangen, dass mir noch jemand großartig hinterher räumt. Ich bin doch kein ägyptischer Pharao der den ganzen Spittel für das Jenseits braucht. Landet doch sowieso alles auf dem Müll.

Ich sitze am Tisch, so unentschlossen. Es muss sein. Es muss. Ich habe mich lange genug darauf  vorbereitet. Jeder Tag ist so gut wie der andere, every day is a perfect day, a perfect day for suicide…

Nur für diesen Tag habe ich mir einen facebook-account zugelegt, mir massenhaft irreale pseudofreunde angeliked, damit mir auch ja viele Leute zuhören. Gut, ein paar alte Freunde und Bekannte und ehemalige Arbeitskollegen sind auch darunter, und natürlich Marc Zuckerberg, aber wen interessiert das schon. Nein, ich muss los.

Ich lege meine Schlüssel auf den Campingtisch, gehe zur Tür, mache sie auf, stehe noch in der Tür, ich mache es, jawohl, heute ist mein Tag. Ich ziehe die Tür hinter mir zu. Vor meinem inneren Auge sehe ich eine zerbombte Brücke, eine Eisenbahnbrücke vielleicht.

Ich glaube ich bin ein persönlichkeitsgestörter, depressiver Asperger-Autist. Also wenn ich mich selbst diagnostizieren müsste, dann wäre es das worauf ich käme. Bestimmt ist es kompletter Blödsinn und ich bin vollkommen normal. Im Grunde halte ich alle Menschen für bekloppt, zumindest habe ich noch niemanden kennen gelernt, der nicht gestört wäre. 

Mir ist auch schleierhaft, wieso die Leute immer Kinder in die Welt setzen. Habt ihr im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst? War der Mensch jemals zufrieden? »Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!« schrieb schon der gute Goethe, und wir alle wissen, dass er niemals kommt, dieser Augenblick. Der Mensch ist nicht sattzubekommen.

Aber Kinder in diese Welt setzen, unter diesen Voraussetzungen, das ist das Hinterletzte und ich hasse meine Eltern dafür. 

Bei den Tieren hingegen, also den richtigen Tieren, der Mensch ist ja noch nicht einmal ein vernünftiges Tier hatte ich immer den Eindruck, dass sie sich über Jahrmillionen eine Nische erkämpft haben, in der sie glücklich sind. Der Vögel Flug, ja sogar der Baum, der sich ein schönes Plätzchen ausgesucht hat. Und dann kommt der Mensch, das unglückselige, zutiefst traurige Wesen und macht alles kaputt. Weil es ja niemandem besser gehen soll als ihm. Ich hoffe dass zumindest Gaia irgendwann ein Einsehen hat.

Oh diese Heuchelei. In der Praxis das größte Dreckschwein, aber die Kunst und die Gedanken verteufeln. Den Menschen an der Waffe ausbilden? Ja sicher. Kinder die unsere Kleidung zu Billigstlöhnen produzieren? Wo ist das Problem? Die Neger mit unserer weißen Billigmilch überfluten, damit da auch ja keine Konkurrenz entsteht? Super Sache. Die Umwelt mit  Schiffsdieseln, die Schlacke saufen, einnebeln aber Entwicklungsländern CO2 Bilanzen vorrechnen? Aber  hallo!

Black metal! Das Böse, menschenverachtend! Das muss man verbieten! Counterstrike? Die Wurzel allen Übels. Diese ganzen Ego-shooter, ab 18, nochmals schneiden oder besser ganz verbieten! Splatterfilme, Horrorfilme dieser Dreck, auf den Index, oder schneiden und dann zu guter Letzt, den Index auf den Index, damit er keine Hitliste wird. Und überhaupt, mehr Überwachung, mehr Bevormundung, Überregulierung. Ich verstehe es einfach nicht. Ist es denn nicht entscheidend, wie man auf die Leute zugeht? Ich habe immer mein bestes gegeben, aber jetzt? Jetzt brennt in mir kein Feuer mehr.

Ich werde auch dieses fin du siècle Gefühl nicht mehr los, bin damit aufgewachsen. So frei wie als Kind war ich nie wieder. So muss es sich in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg angefühlt haben, und ich bin mir sicher, töte ich mich nicht jetzt, bald, dann erlebe ich den dritten Weltkrieg noch mit. Und das will ich nicht, nein Danke. Ihr habt schon im Kindergarten alle brav mitgesungen, wenn einer klatscht, dann klatscht ihr mit und wenn eine völlig unlustige Comedy-Serie mit Gelächter unterlegt wird, dann lacht ihr mit. Vielleicht nicht alle, aber der Großteil wäre wieder dabei im Weltenkampf Teil drei.

Ich steige aus dem Bus vor dem Einkaufszentrum. Es ist gegen achtzehn Uhr. Die Zombies hängen immer noch an den Schaufenstern und trielen ihren blutigen Sabber auf den Trottoire.

Ich gehe durch die Drehtüre, hinein ins wohltemperierte Einkaufsparadies. Nagut, nicht wenn man Hartzer ist, dann nicht, denke ich mir.

Ich muss mich ablenken, ich bin ganz aufgedreht. Mannomann, ich bin mir nicht sicher, ob alles gut geht. Der Typ von der Security schaut in meine Richtung. Ich schwitze, obwohl es eigentlich kühl ist. Der Sicherheitsdienstleister geht weiter. 

Ich setze mich in eine der Sitzecken am Brunnen im Atrium, unten. Ich muss mich sammeln. Ich packe es nicht, ich packe es nicht. Ich gehe auf die Kundentoilette, renne, haste, renne ans Klosett und muss mich übergeben. Komm runter Mann, komm runter. Ok. Ich spüle, setze mich nochmal auf die Schüssel und muss pinkeln. Ich muss pinkeln, aber es kommt nichts, warum kommt nichts?

Endlich läuft es, aber es ist sehr wenig. Gut, Ok. Ich hole die Glock aus dem Rucksack, lade sie durch und schiebe sie mir vorn in den Hosenbund, den Pullover ziehe ich drüber. Ich atme tief ein. Ich habe gestern schon einen livestream auf facebook angekündigt, ein paar wollten dem folgen. Noch fünf Minuten, schreibe ich. Das smartphone, da habe ich ein praktisches case dazu, hänge ich mir um den Hals. Ich sehe aus wie Flava Flav, nur dass meine Uhr noch läuft.

Ich hole also die Spritzpistole aus dem Rucksack, mache den Rucksack wieder zu, sodass er dicht ist. Ich verlasse die Toilette, schalte den livestream ein und erkläre den Zuschauern, die nach und nach folgen, dass ich jetzt sowas vorhabe wie Rémi Gaillard, dass es lustig wird, und lache in die Linse.

Ich checke nochmal die Glock, die sitzt und wird nicht verrutschen, der Gürtel ist gut angezogen. Dann renne ich los, renne fast dem Typen von der Security in die Arme, und spritze ihm Kunstblut ins Gesicht. Au Backe, mein Adrenalinspiegel steigt, ich glaube mein Herz explodiert. Ich renne als wäre die Teufel hinter mir her, ich muss kichern wie ein kleines Mädchen. À propos, da kommt ein kleines Mädchen, vielleicht sieben Jahre alt, ich spritze ihr Kunstblut aufs Kleid, woraufhin sie schreiend zu ihrer Mutter rennt.

Ich renne, ich renne als riefe mir jemand „Lauf Forest, lauf!“ hinterher – da ist der junge Mann, ich spritze ihm Kunstblut auf den Hinterkopf, der schwangeren Frau spritze ich Kunstblut aufs Bein, zwischen den Lachattacken rufe ich, dass ich alle umbringen werde. 

Und wie ein Rottweiler im Blutrausch rennt mir der Typ von der Security hinterher und versucht mitzuhalten.

Jetzt stürze ich die Treppe hinauf in den ersten Stock, langsam bricht eine merkwürdige Situation los. Auf der einen Seite eilen Leute kreischend in Panik davon, andere lachen sich ob der Tom und Jerry Folge, die ich mit dem Securitymann nachspiele, krumm, wieder andere sind einfach nur stinksauer oder filmen das ganze mit ihren Mobiltelephonen. Wie der Typ in dem weissen Helly Hansen Pullover und den Baggy pants, dem ich zwei Ladungen auf die Brust spritze, worauf er mir versucht hinterherzutreten, während er mir „Oida, du deppades Oaschloch!“ mit auf den Weg gibt.

Ich renne und renne, spritze hier jemanden an, spritze da jemanden an, dann in den zweiten Stock, die Pistole ist fast leer. Hier noch ein Spritzer, diesmal ernte ich Beifall, denn wenn das kein Nazi war, weiss ich auch nicht. Dann renne ich ans Geländer über dem Brunnen ins Atrium und muss erstmal ordentlich verschnaufen. Ich fühle mich, als könnte ich schon wieder kotzen. Zu allem Überfluss kommt jetzt das Sicherheitspersonal angerannt. Ich schmeiße ihnen die Spritzpistole entgegen, die in lauter rotgefärbte, grüne Plastiksplitter zerbirst,  was mir verdutze Blicke beschert, ziehe die Glock und richte sie auf die Hilfssherriffs. Jetzt – die Blicke: absolutely priceless.

„Verpisst euch…“ sage ich spitz. Sie bleiben augenblicklich stehen.

Mit der linken Hand nehme ich das I-phone von meinem Hals, den livestream lasse ich weiterlaufen und werfe er hinter mich in den Brunnen. Hoffentlich landet es richtig herum, hoffentlich passt das mit dem Gewicht, bete ich.

Während mich die Security völlig verblödet anschaut und sich unsicher zu sein scheint, wie sie zu reagieren hat, schieße ich ihnen einmal vor die Füsse, um es ihnen behindertengerecht zu erklären. “ Verpisst euch!“ schreie ich.

Darauf bricht nun wirklich offene Panik aus, die Polizei ist aber erstaunlicherweise bereits vor Ort und beginnt die Leute zu evakuieren.

„Heute halte ich es nicht mehr aus, mit eine Waffe verlasse ich das Haus …“ Singt jemand in meinem Kopf, während ich über das Geländer steige. 

Mit der einen Hand halte ich mich fest, lehne mich zurück, mit der anderen schieße ich mir von unten in den Kopf. Bang! Ertönt es hässlich und viel lauter als ich dachte, dann: Aus!

Mein Körper fällt die fünf, sechs Meter hinab in den Brunnen. Aus der Kameraperspektive sehen alle, die dem Stream noch folgen erst ein paar Ringe auf der Wasseroberfläche, dann ein Schwarzer Punkt, der immer größer wird, dann schäumt es wie wild und das Bild färbt sich langsam rot.

Doch eines habe ich nie verstanden. Das soll heißen, verstanden habe ich es schon, aber nachmachen? Warum tötet jemand, der im Grunde nur sich selbst töten will, so viele andere? Weil er der Menschheit etwas zurückgeben will? Sicher, die Sinnlosigkeit eines Amoklaufs potenziert dessen Grausamkeit. Klar, die mediale Aufmerksamkeit wenn sich die ausgehungerten Journalistenratten auf die Kadaver stürzen ist betörend, doch was hat man selbst im Tode davon? Es ist doch über kurz oder lang ohnehin für die Katz. Alles ist im Ursprung Littleton oder ff.  – oder counterstrike…? Tatsächlich erhöht dieser ganze Mediazirkus nur meinen Hass auf die Menschen, weil sich hier wieder ihre Blödheit in Reinform zeigt. Dieses kollektive Unverständnis, die Heuchelei, das Schreien nach Maßnahmen, um diese Unholde noch zwanghafter im Leben zu halten und am Besten noch mehr abzustrafen, als sie es ohnehin schon sind, damit man wieder ruhig schlafen kann und sich auch weiter über nichts Gedanken machen muss und möglichst sein eigenes unmögliches Verhalten beibehalten kann. Aber Amokläufer, die haben keine Empathie…

Es gibt so viele Techniken sich umzubringen, aber die Komfortabelste bleibt in unserer Zeit der Schuss in den Kopf. Suicide by cop? Sich vor den Zug werfen? Damit andere jahrelang darunter Leiden? Echt jetzt? Alles andere dauert einfach zu lang, Schmerzen möchte man ja möglichst vermeiden. Der Tod durch Medikamente, also die an die man eher problemlos herankommt birgt noch ganz andere Risiken. Aber ein öffentlicher Diskurs um das Thema Freitod? Nein danke,  das wäre der Tabutod und die meisten, das sieht man ja, machen sich erst über den Tod Gedanken, wenn sie alt sind oder krank. 

Ich weiß nicht, ob mein Plan funktionieren wird, ich hoffe es. Obwohl ich nur eine Kugel brauchen werde, habe ich 300 Schuss. Warum? Damit ihr es seht. Die Spritzpistole ist meine Waffe, die euch erinnern soll, dass ihr tot sein könntet. Aber es ist nicht meine Aufgabe, euch zu töten. Erwiesenermaßen führt das nur dazu, dass ihr dicht macht und nicht verstehen wollt. Ich kann euch die Entscheidung, ob ihr dieses Scheißsystem weiter stützen wollt oder nicht, nicht abnehmen. Ihr müsst euch schon selber töten. Jeden Abend, wenn ihr in den Schlaf abdriftet, und jeden Tag, den ihr ein bisschen mehr sterbt, ein bisschen mehr Blut an euren Fingern klebt. Aber euch töten, nein den Gefallen tue ich euch nicht, das müsst ihr schon selbst hinbekommen.

Liebe Grüße,

Your best nightmare.

Veröffentlicht von Agimar N. Edelgranberget

I am insane.

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