Auf dem Land

©  MMXVI Agimar N. Edelgranberget

[Diese Geschichte erschien erstmals in einem PDF- Konvolut namens „Nachrichten aus Dystopia“, später 2016 auf meinem nicht mehr existenten Blog.]

„Das muss aber mal gesagt werden, das muss ja mal jemand erzählen, was da damals auf dem Hof von den Olsens, dem Kristiansgaard, passiert ist.“ Sagte der ältere Herr am Tresen. Er hatte graues, wirres Haar mit einem Gelbstich, so wie man den vom Schweife einer Schimmelstute her kennt, einen zerrupften, schmierigen Isländer über einer Camo-Hose des norwegischen Heers gezogen und Gummistiefel vom Felleskjøp auf eine Weise arrangiert und präsentiert, wie man es aus den Ecken, die etwas abseits der E-6 gelegen sind, gewohnt ist. Vor sich auf dem Ausschank steht ein Ringnes Glas, dem es, obwohl seine Öffnung praktischerweise nach oben hin öffnet um den Gerstensaft bei einander zu halten, nicht gelungen war, den Inhalt vor allem Unglück der Welt zu beschützen. Der Dreitagebart des alten Herrn stellte sich da trotz der Schwerkraft um einiges geschickter an.

„Das geht doch keinen was an, Ole-Kristian…“ Sagte ein anderer, jüngerer, aber nicht minder im lokalen Ethno-Chic gekleideter Mann. „… Die wollen die Geschichte doch nur ausschlachten, die feinen Herren mit den feinen Anzügen und den weichen, sauberen Händen.  Am Ende haben die die Taschen voll Geld, und wir bekommen noch obendrein die sensationsgeilen Idioten ab, die uns über die Äcker rennen und die Kühe umwerfen. Halt einfach dein Maul, Ole. Denk an uns alle. Denk nicht du wärst was besonderes.“

Der Alte steht langsam auf, greift sich hinten in die Hosentasche, holt einen Geldbeutel mit einer Südstaatenflagge darauf am Ende einer langen Kette hervor, friemelt einen 500er-Lappen heraus und legt ihn sorgfältig auf den Tresen, indem er ihn glatt streicht.  Dann schaut der den Anderen nochmal beiläufig an, und geht zum Ausgang. Der wohlgekleidete Mann und die hübsche, junge Frau folgen ihm demonstrativ. Keiner spricht ein Wort. Der junge Mann greift sein Bier und nimmt einen großen Schluck. Die anderen im Pub sehen ihn fragend an, gehen aber sogleich wieder den Beschäftigungen nach, in die sie zuvor vertieft waren.

„Hör auf zu schrei’n Lise! Zum Teufel.“, rief  Aud, die Mutter von Lise, Gerd und Åsbjørn, Frau von Øystein, Schwiegertochter von Peder Und Hedda Olsen. Sie war schwanger, zu diesem Zeitpunkt. Es ist elf Uhr am Morgen, sie hat schlecht geschlafen, den Traktor hatte man schließlich nicht überhören können. Øystein war fast die ganze Nacht draußen gewesen um Heu zu machen. Die Hormone taten ihr übriges. „Geht nach draussen, seid doch so lieb,  Papa schläft, denke ich, seid doch einfach mal still!“, wiederholte sie sich entnervt.

Das Haus, in dem die Sieben lebten, der Hof, war alt. Aus der Zeit, lange bevor man von Öl in Norwegen wusste,  ja lange bevor es überhaupt Norwegen gab. Das war ja gleichsam noch Dänemark gewesen, damals. Die Leute waren auch richtig arm, dieser Tage. Deshalb war das Hauptgebäude auch nicht besonders  groß, die Decken teilweise niedrig, die Räume verschachtelt. Dafür wuchs Grass auf dem Dach, es war trotz Allem, oder auch gerade wegen Allem, schon idyllisch und irgendwie romantisch, das darf man nicht vergessen. Draußen vor dem Haus grasten die Kühe, ein paar Pferde, Schafe und Ziegen. Hühner bahnten sich einen Weg durch das geschäftige Viehmarkttreiben vor dem Haus, einige Schweine lagen im Schatten unter einem Baum, nicht weit vom Haus und beobachteten das Schauspiel. Da gab es noch ein paar Stallungen und Wirtschaftsgebäude, einen Heuboden, eine Scheune in der allerhand Geräte gelagert wurden, große Weideflächen, ein paar karge, undankbare Äcker und ansonsten Wald. Überhaupt, die Natur: Viel Wald, einige Bäche und sogar einen größeren See gab es da. Und dann fing auch langsam das kleine Dorf an, also, das soll heissen, die Einwohner wohnten alle ein gutes Stück von einander entfernt, so ein richtiges Dorf war das da ja noch gar nicht, so ein richtiges Dorf wurde es erst einige Jahrzehnte später. Das waren noch ganz andere Zeiten, obwohl es ja aber eigentlich noch gar nicht solange her ist.

Aud fühlte, wie ein Anfall von Migräne wie eine Lawine im nahen Gebirge, erst ganz klein, ein kleiner Rutsch, den Nacken hinunter, dann bald durchs Hirn hinauf raste. Die beiden Mädchen waren nun draußen, nur Åsbjørn, ihr einziger Sohn, im späten Teenageralter war er da, saß noch in einer Ecke beim Kamin und spielte leise auf seiner Ziehharmonika. Das Interieur war erwartungsgemäß von ländlichen Blumenornament-bewehrten Stilmöbeln dominiert, der offene Kamin und die kleinen Fenster mit ihren Gardinchen potenzierten noch das ohnehin schon völlig überreizte Bild. An den wenig vorhandenen Freiflächen an den Wänden hing eine wirre Collage aus Tellern, Fellen diverser Tierarten, nationalromantischen Landschaftsbildern und Arbeitsutensilien verschiedenster Professionen, ganz vereinzelt auch alte Schwarz-Weiss Photographien der Ahnen.  „Mach‘ doch den Laden zu und eine Pause mit dem Musizieren, bist du so lieb“, sagte sie mit ihrem elaboriertesten Lieblingsgesichtsausdruck. Åsbjørn legte die Quetschkommode auf den Tisch, schloss die Läden, sah zu Aud und sagte: „Ich gehe, nach draußen, bin ein bisschen im Wald. Vielleicht ’ne kleine Tour in die Berge. Zum Melken bin ich wieder da.“ Aud sah ihn an, musterte ihn, sah ihm in die blinzelnden Augen, die wie die Ihren waren, und gab ihm „Gute Reise, mein Sohn“ mit auf den Weg.

Nur kurz war Aud eine Atmosphäre der Ruhe und des Friedens vergönnt. Dann nämlich betrat Hedda die Stube: „Was ist es hier nun wieder so dunkel, du unnützes Stück! Sitzt dir im Dunkeln die Fotze weich, während unsereiner arbeitet! Selbst die Dunkelheit kann die Unordnung und den Dreck hier herinnen nicht verbergen. Herrgott, was hat mein Sohn da nur aus der Unterwelt angeschleift.“ So sprach sie, den krummen Zeigefinger erhoben, durch ihr löchriges Gebiss. Das Bunad-Kleid das sie damals immer trug, das hängt heute im Folkemuseum in Oslo und ist wohl eines der letzten erhaltenen in diesem Stil.

„Ich erziehe die Kinder, die dein Sohn mir gemacht hat, deine Enkelkinder. Ich bin schon wieder schwanger von deinem ehrenwerten Sohn. Ich muss mich schonen, alte Hexe. Geh nach draussen!“, sprach Aud spitz.

„Unerhört ist das, du Flittchen, verführst den Sohn, machst ihm ein Kind nach dem anderen, weil du zu sonst nichts taugst, sprichst mit mir, als sei ich Deinesgleichen. Da wird Øystein, da wird Peder auch noch was zu sagen haben. Das wirst du sehen, das geht nicht an, das.“ Auf der Schwelle, machte sie energisch kehrt, das war  ja noch eine patente Frau der alten Schule, das war sie schon, machte einen großen Schritt und rief: „Øystein!!!“, mit grausiger Fistelstimme.

Aud schloss die Augen, zur Migräne kam nun noch eine Welle des Hasses angerauscht, wie ein Tsunami, eine Feuersbrunst stieg es ihr vom Magen herauf, ‚dieser Fotzentroll‘ dachte sie, ‚diese abscheuliche Hexe‘. Hedda war inzwischen außer Sicht, aber der Gestank ihrer vergifteten Seele hing Aud noch lange in der Nase.

„Øystein! Es ist dein Weib, schon wieder, das Weib gegen den Strom!“, rief Hedda voll Empörung. „Ich bin hier drüben, Mutter, aufm Außenklo, komm doch herüber, ich verstehe dich kaum. Was hat Aud nun getan?“, antwortete Øystein ruhig, aber leicht angefressen. „Ach da, ja, nicht mal dort hat man heutzutage noch seine Ruhe, immer gibt es irgendetwas, weil Aud laufend unverschämt ist, und der Mann, der ist am Scheißen, statt sich um seine ihm angetraute Frau zu kümmern! Wahrscheinlich hast du gar die Ruhr, von ihrem schlechten Schweinefraß. Und dein Weib macht, was es will! Das eine sei dir mal gesagt!“

„Zur Hölle, Mutter, da scheiß‘ ich drauf! Sie ist schwanger, zum Teufel! Pfui, du könntest sie ja auch einmal ein wenig unterstützen!“, erschallt es gedämpft aus dem Herzchenloch der Klotür.

Hedda wurde nun feuerrot im Gesicht, Äderchen schwollen zu mächtigen Kanalrohren auf ihrer Stirn heran: „Du bist doch dumm im Kopf, nun sei doch nicht so blind, Hexe hat sie mich gerufen, dich einen Herumtreiber, das billige Flittchen. Die tanzt dir nur auf der Nase herum, ist faul und frech, das ist doch die Wahrheit. Du bist doch faktisch nicht Manns genug deine eigene Ehre zu verteidigen, wie kann ich da erwarten, dass du die Ehre deiner Eltern verteidigst!“

„Pfui, Mutter! Pfui Teufel. Teufel… in der… Hölle… Ernsthaft, mal.“, kommt es nun merklich leiser hinter der Tür hervor.

„Wie ich immer zu sagen pflege: Das Gatter zur Hölle ist eine feuchte Fotze: Es mag sich erst gut anfühlen hinein zu schreiten, doch alsbald quillt alle Ausgeburt der Unterwelt ganz zügellos heraus! Das habe ich dir immer beigebracht, was hat’s genützt? Du und dein Anhang, das ist mir so eine Schande, die Leute lachen ja schon.“, zischte die Alte und machte sich auf in den Stall.

„Ich werde mit ihr reden, Mutter, ich verspreche das.“, rief ihr Øystein entwaffnet hinterher.

Derweil tollten Lise und Gerd auf der Weide herum, ärgeren die Kühe, bewarfen die Schafe mit Steinen, aber Schafe sind ja auch einfach nur dumme Tiere, allein das Blöken, und so ärgerten sie die Ziegen, aber die wehrten sich. Und so ritten sie schließlich noch auf dem Rücken der Pferde durch die imposante Landschaft.

Peder, der saß auf dem Traktor, blickte den Mädchen hinterher und nahm einen ordentlichen Schluck aus der Pulle vom Aquavit Marke ‚Rakefisk‘, bis seine glasigen Augen an irgendeinem Punkt in der Landschaft hängen blieben, so als ob er versuche, sich in Automumifikation zu üben – nur die expandierende Beule in der Hüftgegend verriet, dass er noch am Leben war.

Nun ließ Øystein die Klotür in die Hütte krachen, als wolle er einer Gruppe junger SchimpansInnen  imponieren, wie er so aufs Haus zu schlenderte. Es schien damals allerdings noch nicht durch, was dann einige Stunden später passieren sollte. Das war zu diesem Zeitpunkt wirklich noch nicht absehbar.

Da war ja nämlich auch noch Åsbjørn, der inzwischen irgendwo mitten im Wald herumlief, und vor ein paar Fliegenpilzen zum vorläufigen Stillstand kam, weil diese mit ihrem grellen Aussehen, seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatten. Da er bisher durchweg nur gute Erfahrungen mit dem Konsum von Pilzen im Allgemeinen, aber auch speziell mit Fliegenpilzen gemacht hatte, begann er sogleich mit deren Verzehr. Selbstverständlich in Maßen, aber das ist ja je nach Fliegenpilzkonsum der Befragten ein anderer Maßstab, weshalb sich, auch weil die Psilocibine von Pilz zu Pilz unterschiedlich stark vorhanden sind, die tatsächliche Wirkmenge im Nachhinein nur noch schwer nachvollziehen ließ. Gut eine Stunde später, als er gerade an einen Baum pinkeln wollte, wird ihm der Moosbewuchs am Stamm ins Auge gefallen sein. Wie perfekt er erschien, wie unglaublich neu und interessant dieser Blickwinkel für das Verständnis vom Menschsein an sich zu sein schien, das konnte freilich nur Åsbjørn beantworten. Er starrte aber ziemlich irre, und machte schon von weitem, also insgesamt einen ziemlich erschreckenden Eindruck, als sei er der Teufel in Menschengestalt.

Aud saß im Halbdunkel auf der Bank, in eine Decke gehüllt und schaute irgendwo tief in sich hinein. Øystein riss schließlich versehentlich beim Öffnen der Tür die Stille, Ruhe und Einkehr in tausend Stücke, sein Bedauern dafür hielt sich allerdings in überschaubaren Grenzen: „Aud, ernsthaft! Du solltest dich bei Hedda entschuldigen, so kannst du mit ihr doch nicht reden. Immerhin ist sie deine Schwiegermutter.“, versucht er es sanft.

Aud erwiderte leise, ob er nun auch noch damit fortfahren wolle auf ihr herumzuhacken, wo er sie doch geschwängert hatte, ob er sich etwa auch um die Kinder kümmern wolle. Dabei sieht sie ihn nicht einmal an. „Nun habe ich aber genug, von deinem Selbstmitleid, du kannst nicht den ganzen Tag im Dunkeln sitzen und nichts, aber auch rein gar nichts tun. Du könntest langsam auch das Essen vorbereiten. Wie wäre es mit Lamm im Kohl?“, fuhr Øystein fort.

„Dann bring mir das tote Viech und ich fange an, ich ertrage es nicht, schwanger wie ich bin, das Lämmlein zu töten. Was für eine Mutter wäre ich da…“ Antwortete Aud, weil sie wusste, dass es ohnehin unmöglich war mit einem Olsen ein normales Gespräch zu führen. Eine Ohrfeige, im besten Fall, wollte sie heute möglichst vermeiden. Sie konnte fühlen, dass die Geburt nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.

Draußen machte es ‚bäh-böööh-waaaah-ürg‘, bevor es wieder still wurde, weil der Schnitt durch die Kehle des Lamms gut gesetzt war. Ein schneller Griff an die Hammelbeine, das Ding hing kopfüber. Er bindet’s fest, ein weiterer wohl platzierter Schnitt über die Bauchdecke entsendet die Eingeweide in die Freiheit, die purzeln in den Bottich in den das Blut von der Kehle über das Köpflein hinab geströmt war. Ein Schnitt ums eine Beinchen und einen ums andere, und ritsche-ratsche ist das Fell auch schon hinunter gezogen, hier noch knipschen, und da noch knaps und das Abendessen ist schon so gut wie fertig. Man muss nur anfangen, dann kommt man auch zum Ende, und mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen geht sowieso alles wie von selbst, hatte schon die Dorflehrerin immer gesagt.  

Lise und Gerd, die von ihrem Ausritt zurückgekommen waren, schauten ihrem Vater interessiert bei der Arbeit zu. Das rote, schaumige Blut, der weisse Pelz, das kleine Ding mit dem sie vor nicht allzu langer Zeit noch gespielt hatten, da lag es nun. Ganz still, man hätte meinen können, es schlafe, wenn es nur nicht so nackt und blutig gewesen wäre. Es war wie immer ein faszinierender Anblick für die Kleinen. 

Ihr Vater ließ die eine das Blut rühren, die andere schicke sie zum Bach um den Magen, das rosa Köpfchen, und den Darm zu waschen. Dann hat meine Liebe später noch etwas zu tun, dachte er. Außerdem liebten alle Blutpudding und Blutwurst.

„Geht doch, seid so lieb, aufs Feld und holt Kohl – es gibt Lamm im Kohl, bringt ihn dann Mutter.“, erklärte Øystein. Lise erwiederte: „Das ist aber blöd. Das langweilt mich. Wann darf ich ein Lamm schlachten, Papa? Brauchen wir noch ein Lamm, ich schlachte es!“ 

„Das ist doch kein Gespräch wert, da bist du noch viel zu klein, meine Liebste, das ist noch nichts für dich. Holt Kohl, sage ich, und bringt ihn der Mutter!“ 

Ehe man sich versah, waren die kleinen hinterm Haus, auf dem Acker, wo der Kohl wuchs, und sammelten soviel, wie sie meinten, dass es richtig sei.

Während sie damit beschäftigt waren, leerte sich einige Meter entfernt die Aquavitflasche endgültig und flog in die Büsche. Der alte Peder näherte sich den beiden langsam schwankend von hinten und lallte: „Was macht ihr zwei Huren auf meinem Acker?… Euch sollte man die Ärsche verhauen, dass ihr eine Woche nicht sitzen könnt!“, „Wir holen den Kohl für’s Abendessen, Peder, hol‘ Du den Schnaps, dann geht’s sicher bald los“‚ entgegnete Gerd ruhig, weil sie sehr erleichtert war als sie sah, wie betrunken Peder bereits sein musste. In diesem Zustand war er für gewöhnlich nicht mehr für andere gefährlich, nur noch für sich selbst. „Ja, den Schnaps, den soll ich holen, das wird gemacht, denn Schnaps braucht der Mann, dass er das Weib ertrage.“, sabbelte er vor sich hin, während er wie ein Schoner bei starkem Wellengang hinfort segelte.

Nun kam auch Åsbjørn aus dem Wald zurück, der Pilzgeist war ihm ausgewandert und die Welt war wieder wie die Meisten glauben, dass sie sei. Was blieb dem armen auch anderes zu tun, er kannte doch jeden Fleck, jeden Blick, jedermann in dieser Gegend, er würde wohl auch niemals hier fort kommen; ‚wenn du deine Umwelt nicht verändern kannst, dann musst du halt dich selbst verändern‘ hatte er einmal irgendwo gelesen, und es hatte für ihn einen Sinn ergeben. Obwohl er sich nicht sicher war, ob der Verfasser seinen ganz speziellen Ansatz damit gemeint hatte. Wie gerne würde er weg hier, aus dieser Wüste des Menschwerdungsprozesses, wie gerne wäre er Pilot, oder irgendwas, bloß kein Bauer, bloß nicht hier. Seine Gedanken jedoch, ob er es selbst bemerkte oder nicht, trieben ihn an die Weide, denn die Kühe warteten schon phrenetisch darauf an den Eutern begrapscht zu werden, was sie mit Rufen, die man als Städter sonst nur aus den Großstadtromanen über die Irrenanstalten Christianias des 19. Jahrhunderts her kennt, bekundeten.

Das ist eigentlich das Einzige, was soweit noch bekannt ist. Als nächstes, das war dann halt eben die Geschichte, die kennt man ja aus dem Polizeibericht, das war ein paar Tage später. Schon schrecklich. Was da genau passiert ist weiss trotzdem keiner, auch wenn der Hergang später rekonstruiert wurde. Aud hatte auf jeden Fall ihre dritte Tochter bekommen, an einem Mittwoch, also einen Namen hatte die noch gar nicht, beziehungsweise wurde nie bekannt gemacht. Dann war das ein Freitag, denn es war zwei Tage nach der Geburt.  

Zuerst wurde dem Peder, im Stall,  mehrfach auf den Kopf geschlagen, vermutlich mit dem Rücken von einem Beil, oder einer Axt. Auf jeden Fall hat er noch gelebt, als er in den Güllekeller fiel oder geschubst wurde, weil man hatte eben Gülle in seiner Lunge gefunden. Obwohl man ihn als letztes entdeckt hatte, war wohl aber ziemlich schnell klar, dass er der erste gewesen sein musste, der starb. Die nächste war dann angeblich Hedda, die wohl in den Stall kam, weil sie Peder hatte rufen hören. Ihr wurde mit dem Beil das Gesicht eingeschlagen, das hat sie aber nicht getötet, man, beziehungsweise der Kommissar aus Oslo, erklärte damals er glaube Hedda habe sich noch tot gestellt, sei dann aber an ihrem eigenen Blut erstickt. Das allein war ja schon schlimm genug. Wie die den Peder aus dem Keller gefischt haben, das war ein Erlebnis, das vergisst man nicht. 

Øystein war der nächste, ihn hatte es auf dem Klo erwischt, von allen sah er am schlimmsten aus. Jemand hatte wieder und wieder mit einem Messer oder Beil auf ihn eingedroschen, während er auf dem Klo gesessen haben muss. Beinahe fünfzig Prozent seines Körpers lagen kleinteilig unten in der Scheiße. Leute deren Ziel es immer war in der Gerichtsmedizin zu arbeiten, kamen an dem Tag wohl voll auf ihre Kosten.

Ja, und schlussendlich, in der Stube, da lagen sie aufgereiht der Größe nach, wie  Dorsche in der Auslage eines Bergenser Fischhändlers am dortigen  Fisketorget: Åsbjørn, Gerd und Lise. Und eben das jüngste. Alle erstickt worden, noch ganz frisch, was man an ihrer Steifheit und den glasigen Augen erkennen konnte. Warum Sie das gemacht hatte,  das weiß bei Gott nur Aud. Es hieß, sie habe an der Wochenbettdepression gelitten, aber welche Mutter bringt denn ihre eigenen Kinder um, traurig hin oder her? Nein Herrgott, so etwas tut man doch nicht. Auf jeden Fall fand man Aud im Schuppen, hatte sich erhängt. Bei ihr war’s auch schlimm, weil sie so verkotet war und geblutet hatte, dass der ganze Schuppen voll mit Fliegen war, und auf den alten Höfen, da gibt es ja eh viele Fliegen, ist ja auch klar, wegen der vielen Viecher. Aber geahnt hat das Ganze jedenfalls keiner. 

„Sind Sie sicher, dass Sie das veröffentlichen wollen, als Film, oder was auch immer Sie da vor haben?“, sagte der Alte.

Die hübsche Frau im schwarzen Kostüm antwortete überlegend „Nun, ein wenig dünn ist die Geschichte ja schon. Aber da kann man auf jeden Fall noch etwas draus machen. Wissen Sie denn den Namen des Kommissars, erinnern sie das noch?“ 

„Nein, ehrlich gesagt habe ich bis Sie damit anfingen versucht, die Geschichte komplett zu vergessen“, sagte der alte Mann. „Sie haben uns trotzdem außerordentlich weitergeholfen. Wir müssen in der Konferenz aber noch beschließen, ob wir das Projekt überhaupt umsetzen. Könnten wir auf Sie als Zeugen zurückgreifen?“, fragte der Herr im schicken Anzug.

„So klar!“, sagte der Alte. „Wenn Sie mich nicht mehr brauchen, mein Bett ruft, es ist viel zu tun, morgen.“

„Vielen Dank unsererseits!“, bedankten sich alle drei bei einander und schüttelten die Hände, während sie freundlich lächelten. Der Alte verließ das Restaurant und machte sich auf den Heimweg. An der Bank und dem Waffenladen vorbei, durch den Wald. Das Auto liess er stehen, er war bereits zu betrunken.

Nachdem die beiden sauber gekleideten Damen und Herren bezahlt hatten, gingen sie zu ihrem Wagen, und fuhren Richtung Oslo.

„Bin ich froh, dass wir aus diesem inzestuösen Nest wieder draußen sind…“, sagte die Frau, „was hältst du von der Geschichte? Ich habe irgendwie mehr erwartet.“

„Ich auch… Aber was macht denn der Traktor da vorn??“, stellte er mit einem Stirnrunzeln fest.

„Der Versperrt komplett den Weg, was soll der Mist?“

Das Auto musste scharf herunterbremsen. Schon sprang der junge Bauer aus dem Pub vom Traktor, einen Vorschlaghammer in den zum Schlag erhobenen Händen, einem diskussionsfreudigen Berserker gleich. Wenige Augenblicke später schien der Hammer beinahe die Motorhaube zu durchschlagen, der Motor heulte auf, als das Gaspedal im Rückwärtsgang durchgedrückt wurde, der Hammer hing fest, der Bauer stolperte hinterher, musste schließlich das Werkzeug ziehen lassen, und das Auto, das Auto raste keine zwanzig Meter weiter rücklings die Böschung hinab und ward nimmer wieder gesehen.

Veröffentlicht von Agimar N. Edelgranberget

I am insane.

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