Die Hütte im Wald

Ein minimalnaturalistischer Tragikkomödienfuck.

© MMXV Agimar N. Edelgranberget

[Diese Geschichte erschien erstmals in einem PDF- Konvolut namens „Nachrichten aus Dystopia“, später 2016 auf meinem nicht mehr existenten Blog. Hierbei handelt es sich um ein philosophisches Gedankenspiel.]

Erster Akt

(14:16 Uhr. Eine Straße im Wald, nicht weit von hier entfernt. Es ist Herbst. Nebelschwaden ziehen durch die Baumkronen, die in buntem Reigen ihr Blattwerk entsenden. Es nieselt ein wenig. Auf der Straße, ein Auto. Darin zwei überdurchschnittlich ordentlich gekleidete MitbürgerInnen.)

„Na von mir aus. Du könntest mir aber trotzdem langsam ma‘ erzählen, wo wir hinfahren. 

Mitten im Wald, Mann. Was is‘ nu schon wieder passiert?“

„Hehe, gut, also pass auf: Heute morgen ruft so ein Typ an, ein Hobbyflieger und Landschaftsphotograph, Hans Jensen-irgendwas. Schon irgendwie witzig, oder?“

„Hä? Was ist bitte daran witzig?“

„Na der Typ. Der hat sein Hobby zum Beruf gemacht.“

„Von mir aus – was is‘ jetz‘ mit dem?

„Ja also der Typ ruft an und meint, er habe, als er für die Gemeinde Landschaftsansichten der Gemarkung abphotographiert habe,  im Wald, da oben beim Sängerheim – ca. 10 Kilometer entfernt, da hat er eine Freifläche entdeckt, wo…“

„Willste mir jetzt erzählen der hat ’ne Lichtung entdeckt?  Was soll der Mist? Cannabis-Plantage im Herbst? Die wär‘ doch längst abgeerntet!“

„Ja, hör‘ halt zu und unterbrich mich nicht dauernd. Ich habe Dir doch eben schon gesagt, dass mich das nervt.“

„Jetz‘ erzähl‘ weiter und heul‘ net rum…“

„Ha! … Was auch immer, jedenfalls hat er behauptet, er habe ein Haus gesehen, mit Garten – ein ziemlich großer Garten, mit Viechern und so weiter. Und jetzt kommt der Witz: …“

„Ja hat da halt irgend ’nen scheiß Jäger ’ne Hütte… Was hat das mit uns zu tun?“

„Eben nicht. Ich hab‘ im Grundbuch nachsehen lassen: Da gibt es ein Grundstück, das gehört einem gewissen Thomas Müller. Und der ist definitiv kein Jäger.“

„Ich kapier’s net. Komm‘ endlich ma‘ auf’n Punkt, Mann!“

„Den Kerl hat schon seit fünfzehn Jahren keiner mehr gesehen!“

„Bullshit! Das wär‘ doch aufgefallen! Verschwindet doch keiner einfach so. Den hätte doch jemand vermisst gemeldet. Was is‘ mit’m Rathaus? Finanzamt?“

„Was weiß ich, was da schief gelaufen ist. Moment, hier müssen wir rechts ab. Sachbearbeiterin im Erziehungsurlaub, burn-out, chronisch krank. Die Flüchtlings-Krise, was weiß ich. Keine Angehörigen.“

„Na super. Und wir dürfen uns jetzt mit irgend ’nem alten Sack rumärgern oder was? Wer sagt uns, dass der überhaupt da is‘? Wer treibt sich denn bitte irgendwo mitten im Wald, fernab von allem rum. Scheiße, Mann, ich hab‘ jetz‘ schon kein Bock! Nachher haben sich da irgendwelche Ökos oder versiffte Hippies eingenistet.“

„Deshalb gucken wir uns da mal um. Hier müsste es im Übrigen sein, laut GPS.“

„Ich seh‘ nix. Was soll hier sein?“

„Doch, hier müsste rechts der Weg zu dem Grundstück abgehen.“

„Ok, na vermutlich zugewachsen, wenn hier fünfzehn Jahre lang keiner war.“

„Ja, schau‘, hier war ganz sicher mal ein Weg.“

„Ok, dann lass‘ los, Mann. Ich will hier so schnell wie möglich wieder weg. Je Schneller wir hier weg sind, desto besser.“

„Hast Du alles?“

„Ja. Lass‘ endlich los.“

„Heute Abend heißt  es dann wohl Stiefel putzen.“

„Ja scheiße, hätt‘ ruhig auch was im Ort sein können. Wie weit?

„Weiß ich nicht genau, schon ein Stück. Sieht nicht so aus, als wäre hier kürzlich jemand gewesen.“

„Ich treff‘ mich übrigens heut Abend mit Henriette, Mann. Wir geh’n essen.“

„Die von der Du mir neulich erzählt hast? Wird auch Zeit, dass Du mal wieder eine ab bekommst.“

„Ich weiß net. Is‘ kompliziert. Wir verstehen uns super und alles, wär‘ schon gut.“

„Unterbrich sie nicht alle 2 Minuten, dann kann nichts schief gehen.“

„Du bist’n Arschloch!“

„Hehe.“

„Hier isses matschig, wie in deinem Arsch.“

„Und nass wie Henriette.“

„Halt’s Maul, Mann. Da vorne lichtet es sich. Was sind das für Büsche da? Da kommen wir nicht weiter.“

„Da muss es aber weiter gehen.“

„Da geht’s nicht weiter!“

„Na sicher geht es da weiter. Lass‘ mich vorbei… Und hau‘ mir nicht den Ast ins Gesicht!“

„‚Tschuldigung, war keine Absicht.“

„Da ist doch eine Einfahrt hinter dem ganzen Gestrüpp. Ich ziehe mir die Handschuhe an.“

„Ich lang‘ da jedenfalls net rein. Ich seh‘ jetz‘ schon aus wie ’ne Sau.“

„Deshalb heisst es ja auch ‚pigs‘. Ich reisse das jetzt runter.“

„Aber wir sind ja heut‘ wieder sehr witzig.“

„Mit ein bisschen Humor geht alles leichter – ist doch mein Motto. Ok, da kommt man durch. Komm‘ jetzt. Ich gehe vor.“

„Das ist hier irgendwie wie in ’ner Gasse. Links und rechts alles voll mit verwelkten Büschen und Bäumen. Is das ’ne Mauer hinter all dem Unkraut?“

„Ja. Da vorne um die Ecke ist ein Tor. Abgeschlossen. Und eine Kette darum.“

„Jetzt geht’s wirklich net weiter. Da kletter‘ ich jedenfalls net drüber.“

„Nein, wir kehren um. Ich hole uns noch einen richterlichen Beschluss, und dann nehmen wir uns morgen noch einen vom Schlüsseldienst mit.“

„Ich kann’s kaum erwarten.“

„Dann zurück zum Auto.“

„Wird schon wieder dunkel. Ich hass’n Herbst.“

Zweiter Akt

(Der nächste Morgen. Die Sonne liegt strahlend, aber tief am blauen Himmel. Das bunte Laub leuchtet feierlich in der Stille. Es ist kühl. Raureif auf einigen Blättern im Schatten. Drei Dampfwolken wachsen und verschwinden im Wechsel vor dem Tor des Grundstücks im Wald.)

„Was ist das hier eigentlich für ein gottverdammter Mist. Sie hätten mir auch sagen können, dass ich Gummistiefel hätte mitbringen sollen.“

„Ihre Kleiderwahl überlassen wir lieber Ihrer Mutter.  Machen Sie jetzt bitte das Tor auf.“

„Na herzlichen Dank auch. Das dauert jedenfalls einen Moment. Die Kette mach‘ ich mit dem Bolzenschneider weg, aber das verdammte Petri-Markenschloss am Tor dauert was länger.“

„Machense halt so schnell’s geht.“

„Wie war es gestern mit Henriette?“

„Ja, lief echt gut, war ein  gediegener Abend. Aber das glaubste eh net, in dem Restaurant gab’s Insekten. Also keine Kakerlaken in der Küche – zum essen, weisste. Schon ma‘ Heuschrecken gegessen?“

„Bist du ekelig? Natürlich nicht. Habt ihr danach noch?“

„Das geht Dich ma echt nix an,… Alter Sack!“

„Also habt ihr?“

„Es würde mich zwar auch brennend interessieren und ich störe die Herren und, äh, Damen auch ansonsten nicht gerne, aber ich dachte Sie wollen da rein. War ein Klacks gewesen. Das Schloß is‘ jetzt jedenfalls offen.“

„Ich geh‘ rein.“

„Gut. Sie können zu ihrem Wagen zurück, aber bleiben Sie da, wir brauchen Sie unter Umständen noch einmal. Achten Sie auf ihr Mobiltelephon.“

„Ich geh‘ doch nicht den ganzen Weg zurück durch den Schmodder! Und Sie rufen mich an und ich muss nochmal durch. Ich bleibe hier, Sie rufen mich, wenn Sie was brauchen.“

„Ihre Entscheidung. Sie bleiben aber draussen.“

„Schon klar… War ja nich’s erste mal gewesen, dass ich für euch Förster ‚was aufmach’…“

„Haben Sie etwas gesagt?“

„Nein, ich sagte ich warte hier.“

„Schau‘ Dir das mal an hier, is‘ echt gruselig.“

„Schon unterwegs.“

„Zieh‘ Dir das rein.“

„Wow. Das sieht aus wie neulich, beim Erntedankfest. Meine Tochter hatte auch einen so riesigen Kürbis mit. Die haben sie in der Schule selbst angebaut. Aber das hier… Die Käfer sind ja gigantisch.“

„Hier gibt’s echt alles. Wie’n einziger Garten Eden hier. Alles verwelkt, klar. Aber im Sommer muss‘ hier echt schön sein.“

„Die tote, halbverweste Elster neben dem Stechginster hier vorne ist aber auch schaurig…als ob sie gleich davonfliegen würde.“

„Pff, nur’n schillernder, auf’s noble Aussehen fixierter Trickdieb weniger um den wir uns sorgen müssten. Hehe, aber…“

„Hast Du das gehört?“

„Was?“

„Das klang wie eine Ziege.“

„‚Ne Ziege?“

„Ja. Ich könnte schwören ich habe eine Ziege gehört. Oder ein Schaf. Der Weg da runter führt wohl zum Haus.“

„Ist jedenfalls gruselig hier. Das sind verdorrte Tomaten da drüben. Zucchini, Bohnen, das sieht wie Kartoffelpflanzen aus. Und da hinten die ganzen Obstbäume. Hier gibt’s echt alles.

Dass, es sowas gibt, völlig verwildert. Dass da noch so viel wächst.“

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass Du dich so gut auskennst. Ich kann mir Dich überhaupt nicht auch nur in der Nähe von einem Schrebergarten vorstellen.“

„Meine Ex…“

„Ach die? Ja, … ja schon klar. Hätte ich mir denken können. Jedenfalls kaum zu überblicken hier, scheint aber ziemlich weitläufig zu sein. Der Landschaftsphotograph meinte ja auch das sei ziemlich groß. Und Tiere will er ja auch gesehen haben.“

„Na das Obst und Gemüse hier is‘ auf jeden Fall eingemauert.  Da kommt kein Vieh ran. Und an den Stechginster gehen die net ran. Verrückte Vorstellung, dass hier so lange Tiere überlebt haben sollen.“

„Lass‘ uns den Weg zum Haus herunter gehen. Wenn dieser Thomas Müller noch lebt, finden wir ihn hoffentlich dort.“

„Mir gefällt’s hier net. Da stimmt irgendwas net.“

„Sehe ich auch so, aber es hilft ja nichts.“

„Mann! Das is‘ echt ’ne Ziege da hinten! Hast‘ das gesehen?“

„Ja. Jetzt können wir nachher noch das Tierheim verständigen. Ich freue mich jetzt schon auf den ganzen Papierkram. Andererseits wünsche ich denen viel Spaß hier alles einzufangen… „

„Ja is‘ echt scheißegal was man für ’nen Job hat. Is‘ nie leicht.“

„Ok, wir sind gleich am Haus. Von jetzt an alles nach Vorschrift. Augen auf!“

„Ich bin hinter Dir.“

„Hallo? Ist da jemand?“

„Aufmachen, Polizei!“

„Meldet sich keiner, ich klopfe an.“

„Is‘ die Tür verschlossen?“

„Hier spricht die Polizei, machen Sie die Tür auf!“

„Bringt nix. Hier is‘ keiner. Ich geh‘ den Schlosser holen, Mann. Wart‘ hier.“

Dritter Akt

(Später Vormittag. Es ist diesig geworden. Die Sonne ist hinter den Wolken verschwunden. Die drei Gestalten stehen vor der Tür des verwunschenen Hauses, das wie ein Relikt aus vergangener Zeit anmutet und welches die Phantasie wie Erinnerung eines jeden Betrachters anzuregen vermag.)

„Kriegen Sie das auf?“

„Ja. Das sollte keine Problem sein. Geben Sie mir 5 Minuten.“

„Ok. Lass‘ uns einmal um das Haus herum gehen, vielleicht entdecken wir noch was.“

„Alles klar, Mann.“

„Die Fenster sind alle vergittert.“

„Würd‘ ich mich auch schleunigst drum kümmern, wenn ich so allein irgendwo wohnen würd‘. Kannst Du was erkennen?“

„Nein. Total angelaufen, die Fenster. Sauber macht er auf jeden Fall nicht gern. Wenn er überhaupt in den letzten Jahren hier war.“

„Lass‘ weiter gehen. Da hinten seh‘ ich ’ne Solaranlage. Und’n Windrad. Ich hab‘ Dir doch gesagt, hier wohnt ’nen Öko.“

„Es muss doch nicht jeder, der eine Solaranlage hat, zwangsläufig ein Umweltaktivist sein! Das war ziemlich lange steuerlich vergünstigt. Ich habe damals auch darüber nachgedacht.“

„Du? Na hätt‘ ich mir denken können. Du bist eh so ‚en Öko. Bio-Vollkornbrot und Hummel-Aufstrich. Könnt‘ ich mich immer noch bepissen.“

„Hummus, nicht Hummel, Du Pfeife.“

„Is‘ doch egal.“

„Ich hätte auch lieber einen LKW gegessen, aber mein Arzt sagte, ich müsse jetzt mehr auf meine Ernährung achten. Cholesterin, Salz und Zucker. Nicht mal ein Schnäppschen ist mir noch vergönnt. Wenn Du erst mal in meinem Alter bist…“

„Herrgott, Margot! Verschon‘ mich bloß, jetzt geht das wieder los…“

„Pssst.“

„Was?“

„Da hinten: das sind doch Gänse.“

„Verrückter Scheiß. Ich hab‘ mal gehört, Gänse sind besser als jeder Wachhund. Die machen ’nen Mörders-Lärm. Und ziemlich territorial eingestellt, die Dinger.“

„Die sind weit genug weg. Außerdem können die nicht von hier sein.“

„Wieso das?“

„Die wären wohl schon längst weggeflogen, oder?“

„Haste wohl recht mit. Lass‘ uns leise weiter, wir sind eh gleich einmal rum. ‚Ne Hintertür hab‘ ich bisher net gesehen.“

„Ich auch nicht.“

„Das Feuerholz hier is‘ aber auch antik, was?“

„Pass‘ bloß auf, wer weiß was da drin wohnt.“

„Ja is‘ schon gut, wir sind eh wieder an der Tür, gleich.“

„Ah, da sind Sie ja wieder, meine Herren! Damen! Äh, also, schlechte Nachrichten: Das Schloss ist offen, aber die Tür lässt sich trotzdem nicht öffnen. Wenn Sie mich fragen, ist das noch von innen verriegelt. Ich hatte so einen Fall schon mal gehabt, da hat einer…“

„Ja, schon gut, verstanden. Haben Sie ihren Bolzenschneider noch mit?“

„Ja, sicher, den…“

„Meinen Sie, sie bekommen das Gitter vor dem Fenster da hinten runter?“

„Wenn das einigermaßen angerostet ist, vielleicht. Sieht aber ziemlich massiv aus.“

„Kriegense das jetz‘ hin oder nicht? Sonst gebense mir den Schlumpf.“

„Finger weg! Ich mach‘ das schon!“

„Na dann machense halt auch…“

„Schluß jetzt! Lass den Mann seine Arbeit machen.“

„Ja, Ja… Wie auch immer, Mann. Ich will hier heut‘ noch fertig werden.“

„Das… Geht… Ja, mhhhhhmm! Das muss…!“

„Ja, perfekt! Die Jungens von der freiwilligen Feuerwehr hätten mir wirklich noch gefehlt, heute.“

„Pass‘ auf da, Mann, dass‘ Dir net auf die Füße fliegt.“

„Achtung! Es kommt! …Uff, das war ein harter Knochen gewesen.“

„Gut, alle zurücktreten, ich schlage das Fenster ein.“

„Brauchen Sie mich noch?“

„Wissense ja, Sie können am Wagen warten…“

„Ich warte am Eingang. Sie melden sich.“

„Und? Siehste was? Sind das Deine Unterhosen, oder riecht’s aus’m Fenster so muffig?“

„Ja, verdammt. Messie-Bude.“

„Na super, warum immer wir? Da lebt man auf’m Land und hat trotzdem immer so’n Scheiß. Manchmal hab‘ ich das Gefühl, die Messie-Dichte is auf’m Land zehn mal so hoch…“

„Naja, hier hat es ja auch noch mehr Platz zum horten.“

Vierter Akt

(Im Haus. Die zwei Beamten stehen still mitten in einem wie eingeschneiten, verschachtelten Raum. Die Lichtkegel zweier Taschenlampen durchforsten das Gelände. Um sie herum Kisten über Kisten, übervolle Regale. Der Staub liegt zentimeterhoch. Unzählige Spinnweben ächzen unter ihrer staubigen Last. Fahl fällt das wenige Licht durch die getrübten Fenster.)

„Hier müssenwer auf jeden Fall ziemlich vorsichtig sein.“

„Was ist das alles hier? Was soll das bedeuten? Da an der Wand steht: ‚Zwei ist eins und eins ist null’…? Das Schlimmste sind doch wirklich diese Irren.“

„Hallo? Ist da jemand? Polizei! … – Hier is‘ niemand.“

„Das ist ja wohl auch mehr als offensichtlich. Das sind Kisten voller Konservendosen, hier: Abgelaufen. Verbandsmaterial. Ist das ekelig mit dem ganzen Staub. Palettenweise Klopapierpakete, hier – schau‘: Mit den Minions bedruckt.“

„Ich hab‘ sowas schonmal auf youtube gesehen. Das nannte sich ‚doomsday preppers‘. Würd‘ mich net wundern, wenn wir hier auch noch illegale Waffen finden. Solche Leute sind ziemlich gefährlich. Wennde mich fragst ist bei denen in der Kindheit einiges schief gelaufen. Aber dass es sowas auch hierzulande geben soll?“

„Für mich sieht das hier immer noch aus wie eine Messie-Wohnung. Irgend so ein irrer Nazi, der noch bis zum Endsieg durchhalten will, vielleicht. Das würde mich in unserer Gegend hier zumindest nicht verwundern. Da hinten ist die Toilette. Ich gehe mal pinkeln.“

„Deine Schulmädchenblase? Ich seh‘ mich hier noch’n bisschen um.“

„Fertig. Ach, da bist Du. Irgend was entdeckt?“

„Da hinten is‘ die Eingangstür. Der Schlosser hatte recht. Schau‘ Dir das an: Da ist ein schwerer Stahlriegel davor. Ich mach‘ die Tür auf, ich brauch‘ frische Luft.“

„Ja. Wir sollten für einen Moment nach draußen gehen.“

„Alles ok, Mann? Du siehst echt alt aus! Hehehe.“

„Was?“

„Na, wenn Männer im Stehen pissen, habense hinterher immer so lustige Sprenkel auf der Hose.“

„Ja, super. Glaube mir, auf die Schüssel hättest Du Dich nicht gesetzt.“

„Jetzt schau‘ halt net wie ein begossener Pudel, passiert. Was is‘?“

„Keine Hintertür. Die Eingangstür von innen verriegelt. Ist dir nicht klar, was das bedeutet?“

„Scheiße, Mann. Der is‘ da drin?“

„Ja und nein.“

„Tot? Meinste der liegt da noch irgendwo? – und komm‘ mir jetz‘ nicht schon wieder mit Erwin Schrödinger!“

„Muss ich ja anscheinend auch gar nicht, aber davon gehe ich aus, ja.“

„Schrecklich, sowas. Stell Dir vor, Du bist ganz allein in so ’ner zugestellten Hütte, verreckst elendig und keinen interessiert’s. Fünfzehn Jahre, Mann. Ich hab’s geahnt.“

„Noch wissen wir das ja nicht. Wir müssen nochmal rein…“

„Soll ich schonmal ’nen Arzt herbestellen?“

„Ich glaube nicht, dass das eilt. Außerdem müssen wir ihn ja erst noch finden.“

„Bringen wir’s hinter uns. Sei bloß vorsichtig. Wenn das so’n prepper ist, wer weiß, was uns da erwartet.“

„Hör‘ halt endlich auf mit dem Mist!“

„Just sayin‘. Better safe… than sorry…“

„Du hörst Dich doch selber an, wie einer von deinen ‚preppern‘.“

„Extrem ulkig. Du kennst die Vorschriften.“

„Ok. Also hier stehen Bücher, ziemlich viel wissenschaftliches Zeug. Philosophie, Mathematik. Survival-Guide. Meine Güte. Neunhundertneunundneunzig Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Wieso hat da eigentlich niemand vorbeigeschaut… Ich gehe jetzt durch die Tür da hinten.“

„Komme nach.“

„Klemmt.“

„Hat er die nu‘ auch noch verriegelt? Tritt sie halt ein, die sieht ja net sonderlich stabil aus.“

„Ja, offen.“

„Und?“

„Nichts. Noch mehr Kisten. Aber Du hattest recht. Da liegt eine Flinte, geladen.“

„Das kotzt mich sowas von an! Keinen Waffenschein, d.h. eh nix angemeldet, und dann liegen hier die Waffen noch offen rum! Zum Glück sind wir vor irgendwelchen Kindern hier.“

„Ja. Schon paradox. Wir können nur die überprüfen, die sowieso schon überprüft sind. Und die müssen ihre Waffen weggeschlossen haben.“

„Messer, Schwerter, Äxte, Molotov-Cocktails, eine Armbrust? Hoffentlich is‘ der wirklich tot. So einer fehlte mir noch…“

„Da hinten ist noch eine Tür…“

„Ja, geseh’n“

„Komm‘ her!“

„Was?“

„Da!“

„Na der tut jedenfalls keinem mehr was…“

„Ist das ekelhaft. Der is ja richtig gehend mumifiziert. Crazy-eyes war wohl sein Spitzname, wenn ich mich nicht irre. Und eine Česká am Boden vor dem Bett.“

„Ich ruf’n Arzt an.“

„Da liegt ein Zettel. Wir müssen ohnehin noch nach Unterlagen schauen. Sieht jedenfalls nicht nach Mord aus. Ist zumindest meine Meinung, soweit man das sagen kann.“

„Ja, sammel‘ Du ein, was Du findest. Ich geh‘ raus und ruf‘ Dr. Bauer an.“

„Bestell noch ein paar Kollegen ein – und ruf‘ beim Tierheim an… Und schick‘ den Klempner nach Hause. Scheiße, das ist auch wieder so ein Tag, der nur für die Akten ist.“

Fünfter Akt

(20:03 Uhr. Ende November. Es regnet Schneematsch aus einem schwarz-grauen Himmel. Der nasskalte Wind bläst inbrünstig und voller Grausamkeit. Im Schein der Laterne rasen Schneematschklumpen ziellos durch die Nacht. Der Mann und die Frau gehen auf ihr Auto zu. Nachtschicht.)

„Ich fahr‘.“

„Du weißt doch, dass das nicht passiert. Gib‘ mir die Schlüssel!“

„Heute fahr‘ ich, Mann! Lehn‘ dich zurück und genieß‘ die Aussicht.“

„Hör‘ auf Reden zu schwingen und gib‘ mir die Schlüssel.“

„Was is‘ eigentlich Dein Problem? Weil ich ’ne Frau bin, kann ich net Auto fahren oder was?“

„Jedes Mal die gleiche Diskussion! Ich bin der Dienstältere, also fahre ich. Das ist ein Befehl: Her mit dem Schlüssel!“

„Bitte… Es gibt genug Statistiken, die besagen…“

“ … Traue nie der Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“

„Du gehst mir echt auf’n Sack, Mann.“

„Wir fahren erst Richtung Rastplatz. Würde mich nicht wundern, wenn die Halunken selbst bei dem Wetter nichts besseres zu tun hätten.“

„Na immerhin werd‘ ich mal zeitnah aufgeklärt wo’s hingeht.“

„Und jetzt sind wir mal wieder beleidigt.“

„Na von mir aus. Als ob Dich das interessiert.“

„Weisst Du was ich nicht in den Kopf kriege?“

„Frauen mit Doktor-Titel?“

„Nein. Jetzt reg‘ Dich ab. Es. Hat. Nichts. Mit. Dir. Zu. Tun. Merk‘ Dir das halt mal. Du weißt  doch, was ich für ein schlechter Beifahrer bin. Da werden wir beide nicht glücklich mit.“

„Na von mir aus, Mann. Is‘ ja auch scheißegal. Reg‘ Dich net auf. Is‘ eh schlecht in Deinem Alter. Was wolltest Du sagen?

„Ha! Wenn ich mich jedes Mal so aufregen…“

„Erzähl‘ jetz‘ endlich!“

„Ja. Ich bekomm‘ die Geschichte von neulich einfach nicht aus dem Kopf…“

„Welche der zweihundert Geschichten von neulich?“

„Na der Typ in der Hütte im Wald.“

„Is‘ doch Alltag.“

„Deine Nerven hätte ich manchmal gerne. Nein ernsthaft. Der Kerl hatte einen Plan für alles. Hast Du gelesen, über was der sich alles Gedanken gemacht hat?“

„Ja, ich hab‘ Deinen Bericht gelesen. Du kennst das Prozedere. Warum fragste mich das?“

„Ich meine worüber hat der sich eigentlich keine Gedanken gemacht? Er war kompletter Selbstversorger, er hätte sich ohne Probleme allein gegen eine Armee von Leuten verteidigen können, die ihm an den Kragen gewollt hätten…“

„Kannste eigentlich ein Mal, nur ein Mal, auf’n verfickten Punkt kommen?“

„Na, das Einzige, wofür er offensichtlich keinen Plan hatte, war, dass er sich in den Zeigefinger schneidet, eine Blutvergiftung bekommt und ausgerechnet…?

„Scheisse, is‘ der irre? Der kann hier doch net mit über hundert…!“

„Den schnappen wir uns!“

„Gib Gas, ich mach’s Blaulicht an.“

„Der hat sie doch nicht alle!“

„Scheisse, Mann, 

Martinpassauf, 

der Golf!

Martin!!!“

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Veröffentlicht von Agimar N. Edelgranberget

I am insane.

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