Die merkwürdige Geschichte mit den dreizehn Kapiteln

© MMXVI Agimar N. Edelgranberget

Kapitel 1

„Schorschi! Was machst du da, Jungchen, hör auf damit sonst setzt es was!“, schrie Mutter gefährlich. „Menno, ich spiele doch nur!“, rief ich wie ein junges Zicklein und trat drei Ameisen auf einmal tot. Dabei lief es mir eiskalt den Rücken herunter, sowohl die nackte Angst, als auch die freudige Erwartung des Unbekannten trommelten auf mein Herz ein. Das nächste, ja das nächste war dann die Kopfnuss –  und genau jetzt, jetzt spüre ich sie wieder, diese Kopfnuss von damals.

Kapitel 2

Der Junge, wie heisst er, …, Piotr? Ich trete ihm in den Bauch, da liegt er schon heulend und aus der Nase blutend am Boden. „Hör auf, hör…. auf…“, japst Piotr. Ich packe ihn vorne am Kragen, sage noch so was wie: „Halt’s Maul, halt‘ endlich’s Maul, du Russe!“, hole mit dem Stahlhammer meiner Faust bis hinter die Schulter aus und will gerade durchziehen, da bekomme ich von hinten einen Tritt in die Rippen, ich sehe noch Pavel, den großen Bruder von Piotr, sehe mich aus der Vogelperspektive, wie ich ihn entsetzt anglotze, kurz bevor es dann endgültig Nacht wird…

Kapitel 3

Ja, das jetzt war dieser laue Frühlingsabend 1958, das war dann der Moment, wo mir diese Erkenntnis kam. Da wusste ich es. Es gibt da diesen einen, diesen reinen und heiligsten aller Gedanken. Dieser Gedanke, der nie gedacht werden darf – weil er sich sonst selbst zerstört, weil er so unsagbar fragil und rar ist, weil es ein Drama wäre, ginge er ungenützt verloren. Ich lächle. Das war der Moment, der mein Leben komplett verändert hat. Ich sehe auf meinem Mundwinkel von damals meine Zufriedenheit, ich spüre den Endorphinrausch noch einmal.

Kapitel 4

Das bin ich im Priesterseminar. Nein, schon, aber das ist doch die Ernennungsfeier zum Priester.  Ich sehe richtig gut aus. Ich bin jung, ehrgeizig und ich weiß wohin ich will und wie ich dort hinkomme. Ich habe überall Bestnoten, geschenkt, man könnte denken: „Nur Idioten studieren Theologie!“, aber selbst wenn dem so wäre, wäre ich definitiv keiner von denen gewesen. Ich hatte fundierte Kenntnisse der lateinischen und altgriechischen Sprache, sprach fließend Hebräisch, Italienisch, Englisch und natürlich Deutsch, das war ja die Muttersprache. Ich kannte die Bibel nicht nur einfach auswendig, nicht nur in mehreren Sprachen, sondern eben das alles auch diachron. Ich war mit allen bedeutenden Glaubensströmungen des Katholizismus bestens bewandert. Ich kannte nicht zu letzt eine ganze Reihe Leute in Schlüsselpositionen persönlich und hatte mir eine gute Beziehung zu ihnen aufgebaut. Ich stehe ganz am Anfang meiner grandiosen Karriere.

Kapitel 5

Ja. Das bin ich. Ich bin es wirklich, nein! Nein, das war ich, da liege ich, mein Körper, da knien sie und weinen, weinen, schluchzen, verziehen und fluten ihre Gesichter, aber alles verhüllt und verhallt hinter ihren knöchernen Händen. Erstaunlich. Ich fühle mich so leicht, so glücklich. Ihr müsst nicht weinen, Großes ist geschehen, ihr sollt nicht weinen, versuche ich zu sagen, habe aber keine Stimme es zu äußern. Ich bin trotzdem wie gelöst, als ich aufsteige und mich in das weiße, warme, frohe Licht tauche.

Kapitel 6

Der alte Kerl mit den weißen Dreadlocks,  die ihm die ihm bis an die Knöchel reichen, teilweise sogar bis kurz bevor sie von den knallbunten Jandals abgelöst werden, kommt mir entgegen. Sein weisses Gewand wippt und weht ihm hinterher, von seinem Halse baumelt eine große goldene Keycard, als der fast zahnlose schwarze Greis herzlichst hinter seinem Vollbart hervor lächelnd auf mich zu hüpft. „Petrus?“, rufe ich ihm fragend entgegen. Mit einem letzten Hüpfer kommt er vor mir zum Stehen, fällt mir in die Arme und lacht mir ein: Ja, Mann Bruder, schön dich zu sehen, schön dass du endlich hier bist!“, entgegen. Ich bin so glücklich.

Kapitel 7

„Hör zu, Bruder, Georg, JP to the three: Da ist noch diese eine, kleine Geschichte, nichts allzu großes, hoffe ich, denke ich doch.“, sagt Petrus auf seine herzige Art, als wir die Wölkchen hoch zum Tor hoch hüpfen. Also er hüpft, ich erklimme. „Wie meinst du das?“, frage ich ihn ahnungslos. Da sind wir auch schon fast vor dem Tor, wie ein überdimensionierter, invertierter Rodin aus purem Gold und Elfenbein protzt es still und grazil vor sich hin. Zwei ältere Herren im grauen Gewand und mit einem etwas finsteren Blick, wobei in ihrem Fall ein institutionalisiertes Lächeln gemeint ist, erwarten uns bereits. „Paulus, und das ist Paulus, auf ein Wort.“, sagt der eine Paulus freundlich, aber mit so einer Art aufgesetzter Freundlichkeit, die einen Böses ahnen lässt. „Wie er das meinte, das Peterli, das sollen wir dir beantworten.“, spricht der andere Paulus.

Kapitel 8

„Es gibt da eine Sache, die uns Sorgen macht“, äußert sich Paulus leise, „Allah höchstpersönlich hat sich uns mit seiner Frage an betraut.“ Meine Seele zieht fragend eine Augenbraue hoch. Das andere Paulchen baut sich vor mir auf: „Es geht um folgendes: Zu deiner Verteidigung wurden für dich einige deiner Erinnerungen eingespielt, als du vom Leben in den Tod transformiert wurdest. Du bist also bereits im Bilde, worum es geht. Das ist im Übrigen nichts schlimmes, das machen wir immer so – so ein zwei Fragen haben wir eigentlich immer an die Leute der Vorauswahl, oder Klingelputzer, wie wir euch scherzhaft nennen. Aber in deinem Fall ist das alles ein bisschen komplizierter.“ Ich bekomme einen Hauch von Angst, bin etwas verunsichert. Von einer solchen Vorgehensweise hatte ich mein Lebtag noch nichts gehört oder gelesen. Das könnte ein Problem werden. Mir ist klar, dass ich jetzt gehörig Acht geben muss, was genau ich unter welcher Wortwahl sage. Vor allem aber was ich denke, bzw. nicht denke. 

Kapitel 9

Dann aber wird mir sofort klar, ja es ist als ob ich einen neuen Sinn dazu gewonnen hätte, dass ich meinen Scharfsinn und meine Selbstdisziplin nicht verloren hatte, sondern viel mehr, dass auch diese immer schon Teil meiner Seele gewesen sein mussten. Das gibt mir ein enormes Selbstvertrauen. Ich bin wieder voll da. „Es geht um den Gedanken, oder?“

Kapitel 10

„Wohlwollend muss man davon ausgehen, dass es sich bei Ihrem Gedanken, diesem Gedanken, welcher Sie, und entschuldigen Sie jetzt bitte die förmliche Ausdrucksweise, aber das wird ab nun alles protokolliert, der Sie durch ihr ganzes Leben getragen hat, dieser schicksalhafte Augenblick als Sie nicht mehr weiter gedacht haben, dass es sich dabei um die unbefleckte Erkenntnis handelt, nämlich Evas Apfel nicht zu kosten – um die spirituelle Reinheit nicht zu entehren. Eine solche Löblichkeit, eine solche Auszeichnung und moralische Erlesenheit hatten wir hier noch nicht. Oder eben lange nicht mehr. Eine solche Unterwürfigkeit und Disziplin. Und da wurde Allah misstrauisch. Freilich war es Jesus, der ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, denn Sie waren etliche Male strahlendes Exempel in seinen Sonntagspredigten. Er ist nach wie vor einer ihrer größten Fans. Er glaubt an Sie. 

Allah hingegen hält es zumindest für denkbar, dass dieser Gedanke jedoch genauso gut das finsterste Böse selbst sein könnte.“ Paulus sieht mich fragend an.

„Bullshit.“, sage ich.

„Bullshit? Yeah, Mann.“, Petrus nickt und starrt mich grinsend an. Die beiden Päule mustern mich, scheinen auf etwas zu warten.

Kapitel 11

„Ich verbeuge mich zutiefst vor der Allbarmherzigkeit Allahs! Er allein weiß, wenn es einer weiß, was ich nicht gedacht habe! Ich kann diesen Gedanken nicht denken, denn sonst wäre er kaputt! Wie kann ich ihn denn wissen? Ich weise darauf hin, und das ist auch mein ganz persönlicher Anhaltspunkt, immer schon gewesen, darauf hat sich ja dann auch mein ganzes Leben aufgebaut, dass ich, als ich den Gedanken nicht gedacht hatte, glücklich war, ich war fröhlich! Ich habe in mich hineingelacht!“, exklamiere ich stolz, „Hätte ich nicht schrecklich böse sein müssen, wenn ich da einen abscheulichen Gedanken nicht doch gehabt hätte? Allah höchstpersönlich ist mein Kronzeuge!“

Kapitel 12

Paul sieht Paul an. Sie sehen sich an als seien sie verliebt, oder einfach nur schon sehr lange miteinander unterwegs. Petrus wiederum schaut die beiden mit einem fröhlichen, fragenden Lächeln an. Paulus nickt zu Paulus, Paulus nickt zu Petrus. In dubio pro reo, per aspera ad astra. Ich habe es geschafft. Ich muss unwillkürlich kichern, ich lache und rufe, jauchze, frohlocke: „Jesus, mein liebster Allah, ich danke euch von ganzer Seele!“

Petrus, Paulus, Paulus und ich, wir umarmen uns, gehen an die heiligen Pforten, Petrus zieht seine Keycard durch einen gut versteckten Schlitz, eine kleine Klappe unten rechts öffnet sich, gerade hoch genug, um gebückt hindurch schreiten zu können. Paulus kriecht durch das Nadelöhr, Paulus krabbelt ihm hinterhehr, Petrus lachst sich hindurch um sich auf der anderen Seite gekonnt abzurollen und ruft happy und mit den ausgestreckten Armen eines Eurhythmielehrers: „Ey Mann, Bruder, nun komm endlich!“ 

Ich schiebe meinen Kopf mithilfe des gekrümmten Rückgrats und den hängenden Schultern über die Schwelle, drücke mein linkes Bein hinein, hinein ins Paradies, ich bin drin, ihr seid draußen.

Letztes Kapitel 

[Es wird sein wie damals, beim Straßenlaternen austreten, wenn ich erstmal drin bin. Ein Hieb mit dem Flammenschwert, mit dem vom Michael vielleicht, der Kopf ist ab, der Heiligenschein flackert kurz, erlischt. Aber zuerst treffe ich noch Jesus, den alten Lutscher und erzähle ihm, wie toll ich ihn finde, und wie sehr er mich inspiriert hat, und ob er mir noch was über mich predigen könnte, weil wir uns doch beide so lieb haben, und er wird mit seiner Predigt tief in mich eindringen, und hinterher rauchen wir beide eine Zigarette, oder ein Tütchen, oder kochen uns was auf, oder keine Ahnung was die da treiben um so draufzukommen.

Dann, wenn der richtige Zeitpunkt kommt, wenn ich sie wirklich alle komplett verarscht habe, von Pontius zu Pilatus, dann warte ich bis die alle mit irgend einer Orgie beschäftigt sind, schleiche mich in die Waffenkammer, schmeiße alle Flammenschwerter bis auf zwei von der nächstbesten Wolke, und dann tauch ich wieder bei denen auf. Das wird ein Schlachtfest. Wie das Walschlachten früher, das Schlachten von Delfinen in scharlachroten japanischen Buchten, das prophylaktische, kollektive Keulen eines Hühnergulags. Wie die Ausrottung der Bisons nur um die Indianer zu ärgern. Oder eben das was meine Eltern beklatscht hatten. Einer nach dem anderen, und ganz zum Schluss Allah, nein als vorletzten Allah, ins Gesicht spucke ich ihm, für mein Scheiß Leben, für sein arrogantes Auftreten, und dann ramme ich ihm das eine Schwert ins Herz, und das andere in sein Auge. Dann ist es vollbracht. Die blöde Prinzessin wird denken, ich habe sie vor dem Drachen erretten wollen. Ich werde Maria anlächeln, ich lächle sie an und werde sagen:  Vergiss es, nicht mal wenn Du mir einen bläst Maria, werde ich Dich verschonen. Ich wollte nur, dass Du das siehst. Ich habe Deine ganze Familie getötet. Und jetzt töte ich Dich!“ Und dann töte ich sie, bis dass auch ihr Heiligenschein erlischt.]

Wie ich mich da so durch das enge Pförtlein zwänge, tippt mir jemand hinten auf den Po. Ich blicke vornübergebeugt, sehe also alles auf dem Kopfe stehend: Es sind der Tod und neben ihm der Teufel. „Kommt ihr mit rein – oder seid ihr hier, um mich zu holen?“, schreie ich überrascht. Da blickt der Tod den Teufel an, sie blinzeln einander an als seien sie verliebt. Oder vielleicht waren sie nur einfach schon sehr, sehr lange miteinander unterwegs…

Veröffentlicht von Agimar N. Edelgranberget

I am insane.

Ein Kommentar zu “Die merkwürdige Geschichte mit den dreizehn Kapiteln

  1. Also ich finde die Geschichte ziemlich offensichtlich. Ich liebe ja philosophische Gedankenspiele. Wer kann eigentlich mit Sicherheit sagen, dass der Teufel nicht schon längst wieder im Himmel ist? Außerdem geht es bei dem „Pförtlein“ tatsächlich weniger um den Himmel, als das Stopfen von Schwänzen in Muschies.
    Wohl bekomm‘s
    Ach, und das Bild stammt aus einer orthodoxen Kirche in Nessebar. Ist es nicht nett, wie Maria dem Teufel eins überzieht? So liberal, oder?
    A.N.E.

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