Die Fahrt

© MMXVI Agimar N. Edelgranberget

Ist heute nicht Sonntag? Ja, es ist Sonntag sagt der Mann im Radio. Ich setze den Blinker und biege ab. Die Häuser werden immer höher, der Verkehr immer dichter. Es geht kaum noch vorwärts. Ich biege ab, in eine Seitenstraße, da ist weniger los. Ich fahre weiter gerade aus. So hoch sind die Häuser, dass man gar nicht richtig den Himmel sehen kann. Ich frage mich, wann ich wohl endlich am Ziel sein werde. Ich glaube, wenn ich rechts abbiege, geht es schneller. Aber was, wenn es dort auch nicht schneller geht? Nein, ich muss es zumindest versuchen. 

Ich bin mir inzwischen sicher, dass ich irgendwo falsch abgebogen sein muss. Aber wo? Ich kann es mir nicht erklären. Ich wende das Auto und fahre in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Es ist schon Nachmittag, sagt der Mann im Radio. Bald ist es dunkel, und ich bin noch nicht da. Ich muss mich beeilen. Wo bin ich nur falsch abgebogen? 

Etwas piepst. Es ist die Tankanzeige. Der Tank ist fast leer. Weit komme ich nicht mehr und der Abend dämmert bereits. Die Stadt leuchtet wieder in allen Farben. Wo bin ich nur falsch abgebogen, wie komme ich bloß ans Ziel? Es hilft nichts, der Tank ist gleich leer, ich muss das Auto parken und zu Fuß weiter. Es kann ja jetzt nicht mehr so weit sein.

Unglaublich, wie viele Leute noch unterwegs sind. Ich komme an einem Hostel vorbei, ich glaube ich weiss, wo ich bin. Da reden sie alle Englisch, ganz angeregt, auf dem Bordstein, manche trinken Bier, andere Wein, aber fast alle rauchen Zigarette.

Die Sonne ist inzwischen untergegangen, ich laufe weiter. Wie weit ist es denn noch? Wann bin ich endlich da? Fledermäuse fliegen Zickzack zwischen den Häusern. Da ist dieses Schaufenster, das rote Schaufenster da präsentieren sie sich. Ich gehe schnell weiter. 

Dann sehe ich das Schild: Einbahnstraße. Gut, dass ich zu Fuß unterwegs bin, so kann ich sie wenigstens entgegen der Richtung laufen. Wäre ich noch mit dem Auto unterwegs, hätte ich mich  ganz sicher wieder verfranzt.

Ich laufe und laufe, meine Füße tun mir weh. Ich habe bestimmt Blasen bekommen. Das gibt es doch aber nicht, wie weit ist das denn? An mir läuft ein junges Pärchen vorbei, die küssen sich und kichern, die müssen wohl betrunken sein.

Jetzt dämmert schon der Morgen, erst wie eine Ahnung, dann wird es offenbar, dass die Sonne aufgehen will. Und ich kann nicht mehr. Ich habe das Gefühl, dass ich hier schon vorbei gekommen bin, irgendwann. Heute? Gestern? 

Ich setze mich auf eine Bank bei einer Straßenbahnhaltestelle, die ist grün gestrichen. Ich strecke die Beine aus, blicke auf die Straße vor mir. Der Verkehr wird bereits immer dichter. Immer mehr Verkehr, man riecht den Verkehr inzwischen. Ich glaube nicht mehr daran, dass ich noch ankomme. 

Immer mehr Leute versammeln sich, mit Handtaschen, Rucksäcken und Aktenkoffern, dann kommt die erste Straßenbahn und alle steigen ein. Ich bleibe sitzen.

Ich starre vor mich an die Häuserwand auf der anderen Seite, da fällt es mir wie Schuppen von den Augen:

Ja, hier war das! Da bin ich falsch abgebogen, ich hätte noch ein Stück geradeaus und dann rechts müssen, dann wäre ich da gewesen. 

Aber jetzt ist der Tank leer, die Füsse sind kaputt. Vielleicht ein andermal, denke ich mir. Vielleicht ein andermal.

In der Ferne klingelt es. Die zweite Straßenbahn kommt angerauscht. Es ist Zeit, doch ja es ist Zeit. Ich stehe auf und humple die letzen Meter nach vorn. 

Veröffentlicht von Agimar N. Edelgranberget

I am insane.

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