Ramadan

-vel –

VERBA SUNT ARMA.

© MMXVII Agimar N. Edelgranberget

Diese Geschichte, die ich euch nun erzähle, hat sich wahrlich so zugetragen auch wenn sie dem einen oder der anderen doch zu phantastisch erscheinen mag. Es begab sich nämlich wirklich einmal so auf einer meiner vielen Geschäftsreisen in den Orient, dem sagenhafte Morgenlande das die Brust so sehnsuchtsvoll mit Fernweh befüllt – diese Mär entspricht also nichts als der Wahrheit.

Viel hat man ja darüber gelesen oder gehört, selbst jedes heute noch so ungebildete Kind bekommt glasige Augen beim Gedanken an jene endlosen Karawanenzüge, die Dattelpalmenhaine, die Oasen, die Schlangendompteure und ihre Basare, die Turbane und rauschenden Bärte ebenso wie die Schleier und edlen Kleider aus asiatischen Stoffen. Nicht zu vergessen: der atemberaubenden Architektur wegen. Der Erwachsene aber, der Einkäufer und Verkäufer, der Berater oder der Kunsthandwerker sieht von alle dem nichts und gar nichts. Und sieht er es, so begreift er es doch nicht. So erging es auch mir, denn so oft hielt ich mich dort auf, dass es bereits vollständig zu meinem gewöhnlichen Umfelde geworden war; wenn auch mein Anblick und Auftreten das ansonsten harmonische Bild nur stören mussten, so bekam ich selbstredend auch hiervon nichts mit. Arbeit und Alltag machen doch allzu blind für die kleinen Schönheiten des Lebens und des Umfelds.

Eines erquicklichen Abends, als ich nach etlichen Monaten wieder einmal im Morgenlande war, besuchte mich Hadschi Ali, der mir inzwischen ein guter Freund geworden war, als ich gerade in der Stadt in meiner Herberge beim Kaffeetrinken saß. Ali war in jüngeren Jahren mein orts- und sprachkundiger Führer gewesen, ein schlauer Bursche und einer der wenigen hier, die überhaupt frankes Deutsch sprachen. So war es nur natürlich gewesen, dass er mich gegen eine geringe Gebühr in die Geschäftsgepflogenheiten, die besten Märkte und schönsten Plätze des ganzen Orients eingeführt hatte. Und was wir nicht alles erlebt hatten!

Er schlug mir also vor, dass wir uns am nächsten Morgen ein paar Kamele ausleihen könnten um an eine Oase zu reiten, wie ich sie schöner noch nicht gesehen hätte. Da ich nichts vor hatte an diesem Freitage stimmte ich frohen Mutes zu – brachte aber meine Bedenken zum Ausdrucke, weil der Ramadan kurz bevor stand. Für einen Muselmann bedeutet dies nämlich, dass er den ganzen Tag keine Nahrung zu sich nimmt, sondern erst am Abend, wenn die Sonne untergegangen ist. Zwar betraf dies ja mich nicht – ich wollte nur unbedingt vor dem Ramadan einige wichtige Geschäfte abwickeln, denn es wird als sehr unhöflich empfunden vor den Muselmannen den ganzen Tag zu essen – während sie dies nicht tun; ohnehin schon mürrisch und vom Hungergefühle her angefressen, schließt sich ein gutes Geschäft in dieser Zeit gleich dreimal so schwer ab. Aus diesem Grunde hatte ich gelernt es zu vermeiden während des Ramadans überhaupt Geschäfte zu machen. Ich kann mir auch nicht helfen, aber meine guten Angewohnheiten lassen es nicht zu, dass ich zur Nacht noch etwas größeres esse, gleichzeitig bin ich den ganzen Tag zu nichts zu gebrauchen wenn ich kein ordentliches Frühstück zu mir nehme.  Ali versprach mir, dass wir nur eine Tagesreise vor uns zur Oase hätten, das selbe retour, sodass wir noch rechtzeitig ein paar Tage vor dem Ramadan zurück wären. Dies reichte mir völlig aus und so wurde es abgemacht.

Es war ein strahlender, früher Morgen, noch etwas kühl zuerst, als Ali und ich mit unseren Kamelen in die Wüste hinein schaukelten. Mir war sichtlich unwohl bei der Sache – nicht wegen des wankelmütigen Schreitens der Wüstenschiffe – sondern wegen der Wüste selbst. Noch war es kühl, doch es würde sehr schnell sehr heiß werden und dies alleine hat schon so manchem Reisenden das Leben gekostet. Die schiere Weite, die Dünen und Sandberge – ich vermochte es mir nicht zu erklären wie es Ali gelingen konnte hier nicht die Orientierung zu verlieren. Ali beruhigte mich umgehend, als ich ihm meine Sorgen erklärte. Es sei nur eine Frage der Übung und des Gottvertrauens. Außerdem wüssten im äußersten Falle die Kamele selbst am besten wie man an diesem Orte überlebe. Sollte ich also nicht aus dem Sattel fallen, könne mir überhaupt nichts passieren, so Gott wolle. Da ich immer schon ein ausgesprochen sattelfester Reiter gewesen war, waren meine Sorgen nun wie weggeblasen und ich konnte diesen faszinierenden Ort sogar mehr und mehr genießen. Einmal meinte ich bereits die Oase zu erblicken, Ali klärte mich jedoch schnell auf: ich hatte wohl nur eine Fata Morgana erblickt, die erste in meinem Leben.

Gegen Abend, ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, dass wir vor dem Sonnenuntergange ankämen, tauchte erneut wie eine Fata Morgana die Oase aus dem Nichts hinter einer großen Sanddüne auf. Wir hielten einen Moment inne um den Eindruck auf uns wirken zu lassen. Dieser Born des Lebens inmitten dieser lebensfeindlichen, eintönigen Hölle erschien gleichsam ein Leuchtturm zu sein, wie die letzte Bastion der Kultur in einem Land voller Barbaren, wie eine große Kreuzung, an der sich alles trifft was Atem hat. Wir lachten vor Freude und Glück ob des schieren Anblicks und ritten die letzten paar hundert Meter im Kamelgaloppe zum Wasser. Es schien mir einen Moment, als seien unsere Kamele mindestens genauso froh gestimmt wie wir.

Wir bauten unser Zelt auf, pflückten einige Datteln, machten ein Feuer und betrachteten die Kamele die in der nähe des Wassers in der Abenddämmerung lagen. Was für eine wunderschöne Oase und was für ein Bild. Ali hatte nicht zu viel versprochen. Wir beschlossen den ganzen morgigen Tag an der Oase zu verbringen um dann tags drauf wie geplant zurückzureiten.

Doch am Abend des nächsten Tages passierte es: von fern sahen wir eine gigantische Himmelsmauer auf uns zu rasen:  ein Sandsturm war auf dem Weg in unsere Richtung. Schnell banden wir alle Kamele an und verrammelten uns in unserem Zelte. Wir fürchteten uns nicht, denn wir hatten genug Kamele, Proviant und Wasser mitgeführt und so legten wir uns schlafen, im guten  Glauben der Sandsturm wäre bis zum nächsten Morgen ungeliebte Vergangenheit. 

Zwar war er an diesem Tage schwächer geworden, an den Ritt zurück war jedoch nicht zu denken und auch am folgenden Tage ließ der Wind nicht nach und erst einen weiteren Tag später schien sich unsere Situation zu verbessern: als die Sonne untergegangen war, war mit ihr auch der Wind gegangen.

Froh war ich – und doch war mir klar: morgen würde der Ramadan beginnen. Das hatte ich eigentlich vermeiden wollen. Pünktlich zum Ramadan zurück in der Stadt…

Es hatte sich dennoch gelohnt. Ein solches Abenteuer erlebt man nicht zweimal im Leben, dachte ich mir. 

Da erblickte ich einen Lichtschein in der Ferne, der stetig näher näherrückte. Ali erschien weniger beeindruckt zu sein als ich, er bemerkte nur, dass es sich dabei wohl um eine Karawane handeln müsse, die hierhin auf dem Wege sei. Kamele, auch wenn sie viel Wasser speichern können, brauchen nämlich auch ab und an eine frische Quelle. So saßen wir vor unserem Zelt und erwarteten die Neuankömmlinge, während unsere Kamele sich schon blökend mit den Neuankömmlingen ihresgleichen zu unterhalten beliebten.

Die Karawane war riesig. Es müssen gut hundert Kamele gewesen sein, die Gruppe der Karawanenführer  selbst bestand aus gerade einmal zwanzig bis dreißig Leuten, wobei auch einige Frauen dabei waren.

Sie errichteten emsig ihre Zelte, die sie alle miteinander mit Gängen aus Zelten zu einem einzigen, sehr großen Zelte verbanden – ein paar hundert Meter Abseits von unserem Zelte. Dabei blieben sie für sich und so beobachteten wir sie eine Weile bei ihrem geschäftigen Treiben.  Als sie fertig waren, ging Ali zu ihnen hinüber um sich über die neuesten Nachrichten zu erkundigen, woher sie kämen und der gleichen mehr. Ich konnte beobachten, wie er sich angeregt mit einem Kameltreiber unterhielt – als er jedoch wieder zurück kam war er kurz angebunden, erklärte mir er sei sehr müde, aber dass wir, gesetzt wir wollten, am morgigen Abend zum Essen bei ihnen eingeladen seien. Wir waren uns noch ebenso schnell einig, dass es höchste Zeit sei morgen früh in die Stadt zurückzukehren, dann legten wir uns schlafen. Ich weiß noch genau, dass mich in dieser Nacht verworrene Träume plagten und ich die ganze Zeit exotische, fremdartige Musik hörte, deren Themen mir ganz und gar unbekannt waren.

Als ich mit den ersten Strahlen der Morgensonne erwachte konnte ich Ali nirgendwo sehen. Ich lief einmal um das Wasser umher, den Dattelwald, stieg auf eine hohe Sanddüne: er war wie vom Erdboden verschluckt. Zurück im Zelte wurde ich gewahr, dass alle seine persönlichen Sachen zu fehlen schienen. Aber auch die Kamele hatten sich inzwischen unter die Herde der anderen gemischt, weshalb es mir nicht möglich war zu sagen, ob er etwa davon geritten sein könnte. Er würde doch nicht einfach so verschwinden? Ohne etwas zu sagen? Ich beschloss erst einmal vor dem Zelte zu warten.

Die anderen Zelte lagen still und ruhig in der Mittagssonne. Das erschien mir zudem seltsam, denn Nomaden und Berber waren ja schließlich dafür bekannt, dass sie oft noch vor Sonnenaufgang aufstehen. Man sah und hörte aber niemanden.

Es war bereits Nachmittag, da ward auch von Ali immer noch nichts gesehen oder gehört. Was war nur passiert? Ich konnte unmöglich alleine zurück in die Stadt. Alleine schon deshalb, weil ich mich samt Kamelen in der Wüste verirren würde. Wir wären alle des Todes. So blieb mir nichts anderes übrig, als bis zur Nacht zu warten und zu den Nomaden zu gehen, die uns ja eingeladen hatten. Ich werde wohl mit ihnen weiter reisen müssen, falls Ali nicht mehr auftaucht, dachte ich bei mir.

Gesagt getan, die Sonne war kaum untergegangen, da schien sich auch bei den Nachbarn etwas zu regen und so schritt ich hinüber. Ich begegnete vor dem Eingange der Zelte dem Kameltreiber der Nacht zuvor, der selbe mit dem Ali sich unterhalten hatte. Ich wünschte ihm höflich einen schönen Abend und fragte ihn nach Ali – der Mann sah mich aber nur mit bloßem Unverstand in den leeren Augen an, lächelte etwas sardonisch, griff mich am Arme und geleitete mich in das Zelt.

Wie dunkel es in diesem Zelte war. Ich konnte erst einmal gar nichts sehen. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. Einen ‚good evening‘ wünschte mir eine junge, sehr hübsche Frau mit nahezu durchsichtigem Schleier vor ihrem wunderschönen Angesichte, wirklich beeindruckt war ich aber von dem nahezu nicht vorhandenen Reste ihrer Abendgarderobe. Ich war zunächst so hingerissen, dass ich nur unzusammenhängenden Mist und einige englische Begrüßungsphrasen vor mich hin stammelte. Schließlich bot sie mir ihr Französisch an, ich hatte mich aber inzwischen gefangen und mein Englisch, mein treuester Reisebegleiter, zeigte sich von seiner besten Seite. Ich fragte sie, if she, by accident, knew where Mr. Ali was. Sie erklärte, that there neither was an Ali of any kind in this tent, nor had she ever known anyone with that pecu-   liar name. She could, of course, present me to the sultan, why,  because if there was someone knowing something at least, that, now, would be him. Ein Sultan? Ich konnte es kaum glauben und wollte mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Wer weiß, vielleicht ließen sich doch noch ein paar gute Geschäfte trotz des Ramadans machen.

Die Frau, sie hieß Fatima wie sich herausstellte, brachte mich in das größte dieser Zelte, in welchem in der Mitte auf einem Divane ein junger, hübscher halbbekleideter Mann lag und offenbar irgend etwas aß und Wein trank. Fatima wies mich an niederzuknien und grüßte sogleich Sultan fila-mal-mim-Silbi, indem sie ihm a long prosperous life wünschte.

Was mein Anliegen sei, fragte der Sultan in perfektem Sächsisch, während er sich auf dem Divane in meine Richtung räkelte, so als sei er eben erst aufgewacht und noch schlaftrunken. Ich war sehr erstaunt und zugleich völlig verwirrt. Ich erwähnte kurz zu Anfang, dass ich einen gewissen Ali vermisse, danach begann es nur so aus mir herauszusprudeln: Warum er als Muselmann Wein trinke, von wem das schrankhohe detailreiche Portrait eines gewieft dreinblickenden bärtigen Mannes mit kleinem Mädchen auf dem Schoß erzählen möge, ja was es mit Fatima auf sich habe, wo die anderen alle seien, warum er so gut sächsisch spreche, was für ein interessanter Zeltkomplex dies hier sei und wie um alles in der Welt ich wieder in die Stadt kommen solle.

Sultan Silbi lächelte, dann brach er in schallendes Gelächter aus. Fatima, die etwas abseits auf einem Kissen auf dem Boden saß musste sich biegen vor lachen und so stimmte ich frohen Mutes mit ein, obwohl ich befürchten musste, dass ich das Gespött dieser Leute sein musste. 

Als sich unsere Zwerchfelle beruhigt hatten erklärte mir der Sultan, dass, allbarmherzig und allweise sei Allah, der Muselmann natürlich Wein trinke. Es verhalte sich jedoch mit dem Weine wie mit den Frauen: Man versteckt sie in der Öffentlichkeit, aber genießt ihre berauschende Gesellschaft im Privaten. Fatima sei eine ganz besondere Frau erlesenster Herkunft, mehr wolle er mir zu diesem Zeitpunkt nicht mitteilen, es liege weiterhin in der Natur der Sache, dass wer in Leipzig studiert habe auch sächsisch spreche. Das Bild zeige den Propheten mit seiner Frau – was in mir große Verwirrung auslöste, glaubte ich doch zu wissen, dass der Muselmann an sich ein Problem mit der Abbildung Allahs und seiner Getreuen habe. Ich wurde sogleich belehrt, dass dies kompletter Unsinn sei – schließlich sei jenes Bild von Muhammad selbst in Auftrag gegeben worden. Das Zelt, nun, es sei die beste und angenehmste Möglichkeit seinen Palast stets bei sich zu haben.

Der Rest blieb unbeantwortet – zwar hakte ich noch einmal nach, der Sultan aber machte eine seltsam abwinkende Bewegung, als ob es entweder eine völlig unbedeutende Frage sei oder er dazu nichts wisse oder beitragen wolle.

Schließlich kam eine Art Bediensteter, geleitete mich in ein Nebenzelt und deute mit Händen und Füßen an, dass ich es mir auf einigen Kissen gemütlich machen solle, da nun das Abendmahl vorbereitet würde. Es entstand in mir allerdings keinerlei Langeweile, denn Fatima versuchte sogleich mich unter höchstem Engagement mit ihrem Bauchtanze zu erfreuen. Und ihre Augen, ihre grünen, stechenden Augen! Ihr wallendes, aufreizendes Haar! Ich wurde gewahr, wie mein Englisch wieder auf grammatikalisch unschöne Weise umherpulsierte, weshalb ich beschloß, lieber den Mund zu halten und das Gesehene zu genießen. 

Dennoch bekam ich Ali nicht aus dem Kopf. Wo konnte er nur sein?

So biegsam und ästhetisch Fatimas Körper war, so sehr sie sich auch bemühte – so wachsam waren auch ihre stechenden Augen. Ihr muss mein Trübsinn aufgefallen sein, denn sie setzte sich zu mir auf die Kissen und blickte mich lange an. Ich schwieg. Sie schwieg, lächelte aber süffisant. Langsam wurde mir die Situation unangenehm. Ich wollte gerade anheben mich zu verabschieden, mich in mein Zelt zu verkriechen, da tauchte plötzlich der denkwürdige Diener wieder auf und implizierte, dass das Mahl bereitet sei. Fatima nahm mich stracks bei der Hand und führte mich in den großen Festsaal.

Es war schlicht beeindruckend! In einer großen elliptischen Form war eine Sitz- oder Liegegruppe entstanden. In der Mitte stand ein niedriger, reich gedeckter Tisch. Große Kerzenleuchter tauchten alles in ein warmes Licht. Die Zeltwände und die Decke waren in endlose Wasserfälle aus feinster Seide und Brokat gehüllt. In einer Ecke des Zeltes saßen einige Männer, darunter der Kameltreiber vom Eingange und spielten leise sehr angenehme Musik. Im Zentrum – einer Auslassung im Tisch – stand eine duftende, gigantische Wasserpfeife, die einem Kraken im Muschelfelde gleich ihre Arme  unter ihre Opfer brachte. Auf den Kissen um das Festmahl lagen junge Männer und junge Frauen, teils rauchend, die sich im Stile, ihrer Schönheit und Anmut gegenseitig übertrafen. Ich hatte umgehend schwerwiegende Konzentrationsprobleme.

Am einen Ende lag der einem Waldbrand ähnelnde Sultan, während ihm ein Jüngling zur rechten an seinen Brustwarzen und dem Brusthaare herumspielte und ihm eine junge Dirne zur linken durch das Haupthaar fuhr und ihm ins Ohr säuselte. Silbi bedeutete mir, dass ich es mir am anderen Ende der Ellipse bequem machen solle. Ich tat wie mir geheißen. Alle Blicke ruhten auf mir. Sofort kam ein Diener mit einer goldenen Amphore, schenkte mir Weisswein ein – schob mir einen Silberteller hin, den er anschließend gekonnt mit allerlei Köstlichkeiten belud. Der Sultan gab mir zu verstehen, dass ich mit dem Essen beginnen möge. Es war deliziös: Feinstes Täubchenfleisch, Wachteleier, exotisches Obst und vieles mehr. Während ich überraschend hungrig über meinem Teller hing, fragte mich der Sultan, was mich so weit weg von meiner Heimat mitten in die Wüste getrieben habe. Ich antwortete ihm natürlich, dass es die Hoffnung auf gute Geschäfte sei, die mich stets in die Ferne hinan treibt. Um was für eine Art Geschäfte es sich dabei handle, wollte er wissen.

Da erzählte ich ihm alles: dass ich Büchsenmacher bin, einer der besten in allen deutschen Ländern, dass ich gerne reise und das angenehme mit dem nützlichen zu verbinden weiß. Eine gute Büchse verkauft sich nämlich nicht nur zu Hause, sondern auch überall sonst in der Welt – die ja ohnehin voller Schurken, Scharmützel und wilder Tiere ist. Ob er nicht auch Interesse habe, an einem vortrefflich und hochwertig gearbeiteten Modell.

Wieder lachte der Sultan von ganzem Herzen, er interessiere sich zwar sehr für meine Arbeit, rein theoretischer Natur, doch, geschenkt – er brauche gewiss keine Büchse mehr.

Die Anderen am Tisch, auch der Sultan, tranken tiefroten Wein aus kleinen Kristallgläsern, wobei ihnen ein blinder, ganz in rot gekleideter nubischer Diener stets aus einer silbernen Amphore nachschenkte.

Der Sultan hatte an mich noch einige weise Fragen zum aktuellen Stand der Wissenschaften in meiner Heimat, die ich aber nur schwerlich beantworten konnte. Weiters kam er nicht umhin festzustellen, dass es mir doch sehr schmecken müsse und ich gerne noch weiter zugreifen solle.

Erst da viel mir auf, dass ich der einzige war der überhaupt etwas aß. Warum aßen die anderen nichts, warum starrten sie mich nur alle an, mit ihren eindringlichen Augen?  

Ich wollte nicht unhöflich sein. Also fragte ich Silbi stattdessen, wo denn sein Königreich liege. Doch der Sultan musste wohl schon betrunken gewesen sein denn er antwortete nur lakonisch, dass es überall unter dem Nachthimmel liege. Diese Nomadenvölker, dachte ich mir, sind frei und komisch wie die Vögel.

Mehr und mehr breitete sich eine äußerst ausgelassene Stimmung aus. Hatten mich zunächst noch alle angeglotzt, vor allem während ich aß, wurde nun allseits gekichert und geneckt, gekitzelt und auf den Kissen getobt. 

Auch Silbi war mittenmang dabei. Ich dachte daran mich zu verabschieden, denn ich war nicht nur pappsatt, leicht angetrunken, sondern auch von jeder Hoffnung befreit Ali jemals wiederzusehen oder ein lukratives Anschwellen anderer Hosengegenden mitzuerleben. Ich wollte gerade zu Silbi sprechen um ihn zu fragen, ob ich nicht doch bis zur nächsten Stadt mit der Karawane mitziehen dürfe, da Ali wohl nicht mehr auftauchen werde. Da war es mir, als kuschle sich mir von links eine schwarze Katze ins Genick.

Es war freilich keine Katze, sondern Fatima, die mir immer näher kam. Sie umschlang mich, streichelte mir die Wangen und drang in meine Kleidung ein. Es war durchaus ein kurioses Gefühl so bedrängt zu werden, doch es war mir auch nicht ganz geheuer. Überhaupt hatte sich die Ellipse inzwischen in eine große Spielwiese der Gelüste entwickelt. Und nicht nur dort: mitten auf dem übervoll gedeckten Tisch waren inzwischen zwei äußerst hübsche empusengleiche Lesbierinnen  mit dem Unterleibe der jeweils anderen beschäftigt. Mitten zwischen dem Obst und den Vögeln – ich war froh, dass ich schon gegessen hatte, wenngleich dieses Schauspiel auf eine ganz andere Art appetitanregend war. Vor allem auch weil Fatima nicht von mir abließ. 

Sie küsste mir auf die Stirn und entblößte vor mir ihren großen, wohlgeformten Busen, leckte an meinem Hals und knabberte an meinem Ohre, wobei ihre festen Brustwarzen durch das Hemd an den meinen rieben.

Wenn dies so weiterginge, würde meine Hose feucht. Ich griff Fatima fest an, hob sie von mir herunter und setzte Sie wieder neben mir ab. Bevor ich noch irgendetwas zurechtweisendes sagen konnte, war sie erneut über mir, mit dem Unterschiede, dass sie ihre Knie in meine Armbeugen presste, sodass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Mein Puls schoß in die Höhe als ich in ihre grünen Augen sah, die nun gleichsam Funken sprühten wie ein Stück heißes Kupfer zwischen Hammer und Amboss. Es waren die Augen eines Tieres inmitten des fein ziselierten Marmorgesichts eines ausgeweideten Engelskörpers.

Im besten Englisch versuchte ich sie davon zu überzeugen, von mir abzulassen, was sie aber lediglich mit einem Lächeln kommentierte, während sie mir buchstäblich die Kleider vom Leibe riss. Es war mir so peinlich. Schließlich wurde es stiller und leise, dann ging ein Raunen durch das Zelt: wieder starrten alle auf mich, diesmal aber aufgrund meiner formidablen Erektion.

Ich will die Schrecken dieser Nacht nur ungern reproduzieren, weil ich fürchte, dass sie mich sonst weiter jede Nacht aufs neue verfolgen, diese Nachtmahre. Ich wurde herumgereicht wie eine Lagerhure, wurde dazu genötigt dem Sultane selbst die absonderlichsten Wünsche zu gewähren; als sei er ein Weichensteller bei der Eisenbahn, der die Züge von einem Tunnel in den nächsten dirigiert, während sein eigener königlicher Zug für längere Zeit in den Höhlen der vierzig Räuber verschwand.

Ich musste da weg – das war allerdings leichter gedacht als getan. Schließlich, es muss schon spät in der Nacht gewesen sein, da wurde es noch schrecklicher: Der Diener mit der silbernen Amphore musste einräumen, dass dieselbe leer war.

Wieder starrten alle mich an, die Intensität hatte sich jedoch erneut verändert. Ich hatte ein äußerst ungutes Gefühl, weil die Augen Aller mich plötzlich mit offenbarer, blinder Zerstörungswut versahen. Es war höchste Zeit die Beine in die Hand zu nehmen. Ich rannte los. Das Wolfsrudel hinter mir her. Ich hastete stolpernd durch Nebenzelte, manche zu Wohnzwecken, Lagerzwecken … mir gefror das Blut als ich einen völlig verblichenen, ausgezehrten und zusammengefallenen Ali auf einem Haufen mit Unrat erblickte. Die Schweine hatten ihn umgebracht. 

Dann kam es mir; Ramadan, der Wein, Frauen die aussahen als könnten sie Empusae sein. Die jungen Knaben. Die seltsamen Ghouldiener. Ich hätte es wissen müssen:

Vampyre. Mir blieb nur noch eines, irgendwie raus aus diesem Spinnennetze von  Zeltverbindungen. Hoffen, dass die Sonne bald aufgeht. 

Schließlich stand ich in der Küche, Libertas lächelte mich bereits an: ich konnte nach draußen schauen. Dort aber war es noch vor Sonnenaufgang. Was tun mit einer Horde muselmannischer Vampyre die einem an den Kragen und dann auf schnellstem Weg in den Hals wollen?

Im Küchenzelte hing in der Mitte eine große kunstvoll gearbeitete Messingpetroleumlampe mit langem, bauchigem Glaszylinder. Ich hörte sie kommen. Ich riss die Lampe herunter, rannte hinaus und versuchte mit aller Kraft und allem Lebenswillen mein Zelt zu erreichen. 

Ich eilte, ich stürmte – ich fiel erstaunlicherweise nicht. Hinter mir hörte ich die Raubtiere, spürte ihre Blicke in meinem Rücken, ahnte ihre Nasen dicht an meiner Fährte, aber ich sah sie nicht.

Mein Zelt, da stand es und ich hinein. Was ich in dem Zelte wollte? Ob es nicht klüger gewesen wäre auf ein Kamel zu steigen und hinfort zu reiten? In der Nacht? In die Wüste? Sicher nicht!

Nein, ich führe stets ein paar meiner besten doppelläufigen Büchsen und Sonderanfertigungen mit mir herum. Eine handvoll sind immer bereits vorgeladen. Warum? Ich verkaufe Tötungswerkzeuge. Es wäre nicht das erste mal, dass sich ein potentieller Käufer am Ende als lebensmüder Glücksritter herausstellt. Ich kann mich und meine Waren verteidigen.

Ich greife mir meine neueste Erfindung, mein Meisterstück: „Størtebekers bedste“, wie ich sie getauft hatte, eine tragbare Reisekartätsche nämlich – drehe mich auf den Rücken – sehe noch wie Fatima wie ein Puma ins Zelt und in meine Richtung springt und drücke den Abzug. Zuerst fliegen ihre enormen Brüste nach links uns rechts ins Dunkel, im Lichtblitz der Mündungsflamme sehe ich noch ihren verwirrten Gesichtsausdruck, kurz bevor es ihr den kompletten Rest ihres Oberkörpers samt ihres zauberhaften Antlitzes zerreißt. Nur eines ihrer grünen Augen kullert noch von ihr in meine Richtung. 

Die beruhigende Stimme einer umwerfenden Chançonistin hallt durch meinen Kopf, es ist der Text eines hungarischen Einschlafliedes den sie singt: 🎵… in my seas of emptiness, they would never reach the shore…🎶 

Szeretett nőm…

Ich liege noch kurz, atme tief ein und aus, sinke zurück – dann überkommt es mich sofort wieder, ich bin hellwach, greife mir eine Büchse und richte sie auf den Zelteingang. 

Nichts. 

Immer noch nichts. Nur die Petroleumlampe flackert neben mir. Wo bleiben die? 

Dann dämmert es mir. 

Ging etwa die Sonne auf? Vorsichtig schlich ich mich an den Eingang und lugte hinaus. Eindeutig, am Horizont wurde es bereits hell, die Sonne war zwar noch nicht zu sehen aber der Tagesanbruch lag nur noch Minuten entfernt.

Ich griff mir also mutig die Petroleumlampe, schulterte die Büchse und machte mich auf zum Zeltpalaste der Vampyre. Alles ruhig. 

Mit einem wie mir legt man sich nicht an, dachte ich mir. 

Ich rief nach Silbi.

Was ich wolle und weshalb ich überhaupt noch am Leben sei, ich elender Sterblicher.

Ich erklärte ihm, was aus Fatima geworden war und ob er nicht herauskommen wolle um sich die schöne Halskette die ich aus ihrem Auge gefertigt hatte, anzusehen. Ich bat ihn herauszukommen um ihm für den schönen Abend zu danken.

Warum wir Sterblichen immer solche Angst vor dem Tode hätten, dass wir glaubten man könnte jedes beliebige andere Lebewesen damit schrecken! Ich solle kein Feigling sein und zu ihm hereinkommen und für den pietätlosen Mord an Fatima büßen.

Ich sagte ihm dass es nicht nur einen Unterschied zwischen Feigheit und Dummheit gäbe – schließlich traue er sich ja auch nicht so kurz vor den ersten Sonnenstrahlen hinaus ins Freie zu mir und meiner Büchse: Nein, verriet ich ihm, ich habe keine Angst vor dem Tode –  Es sollten nur Zeit und Ort stimmen!

Ich wollte gar nicht mehr wissen, ob Silbi noch etwas erwidern würde oder nicht.  Was  mit Ali passiert war, würde sowieso unverzeihlich bleiben müssen. Stattdessen warf ich die Petroleumlampe zusammen mit meinen letzten Worten in den Zeltpalast.

Dann setzte ich mich ein paar Meter entfernt auf eine niedere Düne und bewunderte den Anblick: mit den ersten Strahlen der Sonne, die auf die Oase fielen, begann der einstige Palast in Flammen aufzugehen. Am anderen Ende des geteilten Nachthimmelszelts wähnte ich noch einen fahlen Halbmond, doch auch dieser würde bald verschwinden.

Ich saß noch eine Weile bis nur noch ein rauchender Aschehaufen zu sehen war, dann bepackte ich meine Kamele, belud sie mit so viel Wasser wie ich konnte und machte mich auf den Weg.

Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft hatte. Ohne Übung, ohne Gottvertrauen – doch ich fand den Weg zurück in die Stadt.

Am nächsten morgen verkaufte ich die übrigen hundert Kamele auf dem Markt und war ein gemachter Mann.

In den Orient bin ich seither nie wieder gereist – ich verkaufe schlicht lieber Waffen als Kamele. Das Auge der Fatima hat mir jedoch stets Glück gebracht.

Veröffentlicht von Agimar N. Edelgranberget

I am insane.

Ein Kommentar zu “Ramadan

  1. You might find that fairy tale offensive, especially if you are a muslim. That’s okay. I understand that. I am an atheist, though, so please respect that.
    I do, however, believe that Islam is one of the least problems we have in european society. About how many muslims do we actually talk? Also, I do strongly believe in freedom. Nobody wants to take away anybody’s belief.

    Although I might make a little bit of fun of Islam in that story, even blasphemy-wise – it’s about something entirely else.
    If you regard the time I wrote it, you will remember ISIL. That’s what it is about. It’s also about german weapons supporting wars and violence all over the world. And, it’s about german idiots who joined ISIL for the fun of killing innocent people abroad and calling that their religious belief.

    That’s what this fairy tale is about.

    Carpe diem et noctem, A.N.E.

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