Die Tür

© MMXVII Agimar N. Edelgranberget

Und einmal auf und einmal zu: Passt perfekt. Lass‘ uns noch die Scharniere ölen, dann sind wir fertig. 

Eine Tür, das ist ganz bestimmt nicht nur ein Brett, das man an ein Loch in der Wand lehnt, nein, es muss doch richtig sitzen. Genau muss man sein, das hast Du gesehen. Hängt die Tür zu nieder, kratzt sie den ganzen Boden auf, hängt sie zu hoch laufen die Mäuse darunter hindurch, wie Dein Opa immer sagte. Oder sie hängt schief, auch das kann passieren. Da kann man nicht irgend einen Dilettanten ans Werk lassen, man muss schon wissen was man tut. Und am besten geht es, das hast Du verstanden, wenn man zu zweit ist.

Als Kind, ja da war ich sogar selbst einmal in einem Raum, da hing die Tür zu hoch. Gar nicht mal viel zu hoch, aber doch so, dass am Nachmittag ein breiter Lichtstrahl hindurch fiel. Vielleicht war auch die Schwelle kaputt, das kann ja auch gut so gewesen sein. Ich denke wir waren im Urlaub, aber wo, das weiß ich nicht mehr. War das in Norwegen, Russland? In Kanada? Egal, schätze ich.

Und da passierte es: Ich war also alleine im Zimmer und spielte mit dem ein oder anderen Zinnmännchen, Computer gab es damals ja noch nicht, als mir ein Schatten auffiel der deutlich unter der Türe hindurch sichtbar war. Erst dachte ich mir ja nichts dabei, denn Schatten, die kommen und gehen ja für gewöhnlich. Außerdem gibt es im Norden viel mehr Schatten und Dunkelheit als hier.

Dann wurde mir aber doch mulmig. Vor der Tür war es sehr hell, nordwärts sind die Stuben nämlich lichtdurchflutet, dicke, warme Lichtstrahlen schienen unter der Tür hindurch, aber eben auch dieser dunkle Fleck. Wenn er sich bewegte, dann nur ein wenig, aber der Schatten ging einfach nicht mehr weg. Zunehmend wurde mir angst und bange. Aber ich war ja schon groß, dachte ich mir, ich kann doch jetzt nicht nach Mutter rufen. Der Schatten wird verschwinden, was soll auch passieren, es ist doch eben schlichtweg nur ein Schatten.

Du weißt das ja noch besser als ich, dass, wenn man ein Kind ist, die Zeit ganz anders zu laufen scheint. Da werden Minuten zu Stunden und Stunden zu Tagen, ja sogar zu Jahren. Als Kind hat man die Zeit nicht unter Kontrolle – aber das Schöne ist ja, die Zeit hat ein Kind auch nicht im Griff. Ich beneide Dich schon dafür. Eines Tages denkst Du auch mit Wehmut an diese Zeiten zurück.

Es ist aber auch nicht immer gut. Ich weiß wirklich nicht mehr, wie lange ich auf der Erde saß und völlig verängstigt auf den Schatten starrte, wie gebannt und eingefroren saß ich da. Hatte ich Schiss!

Der Schatten bewegt sich, er bewegt sich nicht, er wird größer oder wird er doch kleiner?  Wer oder was mag sich nur hinter der Tür verbergen? Wer, wie, was, wo, wann – irgendwann war ich so verwirrt, da hielt ich es nicht mehr aus. Ich stand entschlossen auf und hatte diesen Blick wie Du ihn auch immer hast, wenn Du etwas willst.

Ich schritt also zur Tür und riss sie mit einem jähen, kräftigen Ruck auf. Erst wurde ich geblendet, klar, denn meine Augen waren ja an den viel dunkleren Raum gewöhnt.

Und dann sah ich sie da alle stehen, Mama, Papa, Brüdi, Oma und Opa. Ich glaube, jetzt weiß ich es wieder: Das war mein Geburtstag.

Veröffentlicht von Agimar N. Edelgranberget

I am insane.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: