Der glückliche Heroinist, der mir weiland in der Bahnhofsunterführung auffiel

-vel-

DE GUSTIBUS NON EST DISPUTANDUM.

© MMXVII Agimar N. Edelgranberget

Vorspiel

„Hope, the light, is just like heroin.

It keeps you going on, although

You know it’s complete bullshit…

Life does not reward you with

Prizes – it’s mostly about the

Question: how to fuck up best!

Floating on a deathwish!“

Erstes Kapitel

Ja, das Leben eines Gutmenschen ist nicht zu unterschätzen, sage ich immer. Überhaupt ist ‚Gutmensch‘ ein ziemlich bescheuerter Ausdruck. Man muss sich das wie beim Pfarrer vorstellen: dieser ist ja auch ein Experte auf dem Gebiet des Bösen.

So ist das auch mit uns engagierten Mitbürgern. Wir leben nicht in einer heilen Welt, das wissen wir. Aber wir versuchen es wenigstens. 

Was man dabei so alles erlebt, das glaubt man gar nicht. Vor allem nicht diese Leute, die uns kritisieren… Am Ende sind sie alle froh, wenn sie an jemanden wie uns geraten. 

Natürlich sind nicht alle so dumm zu glauben sie seien nicht auf andere Menschen angewiesen – mancher aber möchte gar keine Hilfe annehmen, vor allem Alkoholiker, Obdachlose und Junkies.  Ja, der Mensch wird doch zum Menschen durch den Menschen. Es ist ja auch klar, wenn man ihnen ihr Leben oder ihren Lebensabend lang erzählt sie seien Abschaum, dann halten sie sich irgendwann selbstredend fern von allen.

Aber die, die schreien: Behinderte abtreiben! Ship ‚em niggers back! Sozialschmarotzer an die Arbeit, Ausländer raus! – bereuen es irgendwann, dass ihnen nicht klar gewesen war, wie schnell es gehen kann. Die Monumente der Barbarei… Und dann nehmen Sie unsere Hilfe dann doch wie ganz selbstverständlich an und freuen sich über uns Gutmenschen.

Aber einmal, da hatte ich so einen Fall, der war schon besonders. So einen Fall hat man nicht alle Tage. Es war nach der sogenannten Flüchtlingskrise, mir wäre ja Flüchtlingschance lieber gewesen, das ist ja doch nur wieder dieses wording (das ist schon doof, mit den Journalisten: Flüchtlingschance will keiner lesen und Flüchtlingskrise hinterfragt keiner), das hatte mich irgendwie angefixt, dieses Helfen, dieses gebraucht werden – etwas Gutes zu tun, etwas Sinnstiftendes. Irgendwann war das Gröbste getan und ich konnte wieder ganz normal meiner Arbeit nachgehen. 

Vielleicht sollte ich erwähnen, dass all dies während und unmittelbar nach meinem dualen Studium der Sozialpädagogik vor sich ging. Ich war jung, idealistisch und motiviert. Als meine Hilfe, dieses unmittelbare Löschen akuter Feuer, nicht mehr zwingend benötigt wurde, habe ich meinen Job bei der Gemeinde wieder aufgenommen, als Streetworker. Wovon ich aber nun berichte, das geschah alles in meiner ‚Freizeit‘.

Mir wurde nämlich schnell klar, dass mir trotzdem etwas fehlt. Dieses Gemeinschaftsgefühl, das gute Gefühl, von dem ich einfach nie genug bekommen kann.

Da fiel mir seinerzeit dieser offensichtlich Obdachlose in der Bahnhofsunterführung auf. Gut, dachte ich mir, Flüchtling, Obdachloser, das ist ja irgendwie das Gleiche. Oder zumindest ähnlich.

Ich möchte, um die Würde dieses mittelalten Herrn nicht anzugreifen, darauf verzichten eine unnötige Beschreibung der Lebensumstände, der Körperhygiene, des ersten Gesamteindrucks aufzukochen. Da hat ja ein jeder sein eigenes Bild im Kopf, und wer es nicht hat, der darf sich auch einen frisch rasierten Mann im schicken Anzug, Krawatte und Aktenkoffer vorstellen, wenn es ihm damit besser geht. 

Ich habe ihn also angesprochen und ihn gefragt, wie es ihm denn gehe, ob er Hilfe gebrauchen könnte. Da hat er zunächst einmal überhaupt nicht reagiert. Ich wollte ihn jetzt auch nicht gleich anfassen. So einen Kontakt, den muss man vorsichtig aufbauen. Viele solche Menschen sind traumatisiert, haben schlimme Dinge erlebt. Da muss man behutsam und einfühlsam vorgehen. Ich habe ihn also nochmal freundlich angesprochen, aber da hat er sich einfach nur weggedreht, als wäre ich ein  lästige Fliege. Dann habe ich es für diesen Tag auch erst einmal gut sein lassen.

Am nächsten Tag, nach der Arbeit, habe ich ihm eine Kaffee vom Dinarbucks mitgebracht, so einen super giga Moccachino, skyscraper-tall, als Eisbrecher, sozusagen.

Wieder schien er zunächst nicht interessiert. „Hast Du mir ein wenig Kleingeld?“, fragt er – als sei es ‚guten Morgen‘ oder ‚Grüß Gott‘. 

„Ich kann Ihnen einen Kaffee anbieten, bitte schön!“, sage ich und reiche ihm den immer noch warmen Moccachino. Er nimmt ihn stumm entgegen.

„Wie geht es Ihnen denn? Kann ich irgend etwas für Sie tun?“, frage ich freundlich.

„Kleingeld…“, sagte er und schüttelt mit dem alten Pappkaffeebecher, sodass es ein wenig klingelte.

„Also, Sie müssen verstehen, dass ich das nicht machen möchte“, sagte ich ruhig aber bestimmt, „Das ist doch keine Lösung, das mit dem Alkohol – es gibt doch noch mehr im Leben. Ich helfe Ihnen, wirklich, gerne!“, lächele ich.

„Heroin.“, sagt er.

„Ach. Oh. Ja, das. Passen Sie auf: Lassen Sie uns zur Bahnhofsmission gehen, da essen Sie was, Da bekommen Sie Kleidung, einen Schlafsack – Sie können Duschen wenn Sie mögen! Ich kenne den Leiter dort, ganz unkompliziert.“, versuche ich es.

Da wird er böse: „Hör mal her, Du guter Samariter – heißt Du Martin? Mir eigentlich eh scheißegal. Entweder gibst Du mir jetzt ein wenig Kleingeld und verpisst Dich dann, oder Du gehst halt gleich!“

„Ich heiße Nagisa, ok? Ich wollte Sie nicht angreifen. Aber verstehen Sie mich, dass ich das nicht unterstützen will. Das kann ich wirklich nicht. Es tut mir Leid. Ich will Ihnen aber wirklich etwas Gutes tun, wenn Sie mich nur lassen. Was haben Sie zu verlieren?“, stammele ich.

„Nur meine Integrität und meine Würde, sonst habe ich ja nämlich wirklich nichts. Mehr brauche ich auch nicht! Naja, und Heroin. Aber sag, wie ernst ist es Dir denn?“ Sagt er grinsend. Seine Zähne sahen eigentlich gar nicht so übel aus. Ein bisschen gelb. Nichts was ein Zahnarzt nicht im Handumdrehen richten könnte. Er sah auch eigentlich, also das was man unter dem krausen Bart und dem grunge-like hairstile erahnen konnte, gar nicht so unmenschlich und hässlich aus. Wie er wohl frisch rasiert aussähe? Vermutlich sogar besser als ich. Ich mustere ihn.

„Mir ist es ernst! Würde ich sonst noch mit Ihnen reden?“, erwidere ich.

Er hustete, dann sagt er ruhig und leise: „Ich bin in der Tat manches Mal ein wenig einsam. Die paar Freunde die ich habe sind ja doch nur des Heroins wegen meine Freunde, das sind Freunde wie ein zweischneidiges Schwert, manchmal. Außerdem fehlt es mir mich in meinem Geist zu üben.“, dann wird er ernst, „Ich mache Dir einen Vorschlag:“, sagt er andächtig, „Aber ich erwarte die Antwort sofort (weil Du ansonsten im Handumdrehen alle Credits verschenkt hast). Möchtest Du mein Freund sein? Du magst versuchen, mich auf den rechten Weg zu bringen und ich möchte Dir als Gegenleistung nur erzählen, warum ich bin, wer ich bin.“

„Ja, ok.“, höre ich mich sagen. Bin ich ein Idiot? Nein! Ich muss es doch versuchen! „Das können wir so machen – aber ich möchte nicht benutzt und ausgenutzt werden. Sie müssen es schon auch ernst meinen.“

Er grinst breit: „Mach‘ Dir mal um mich keine Sorgen. Dann ist es abgemacht?“ Ich nicke verstohlen. „Nun, dann sehen wir uns morgen, oder wann wir uns auch wiedersehen. Ich bin immer hier, ist ein guter spot, ’ne warme, trockene Platte. Falls wir uns wieder sehen. Ich glaube Dir nämlich immer noch kein Wort. Nun musst Du mich aber entschuldigen, Du vertreibst mir die ganze Kundschaft und ich brauche wirklich ein wenig Kleingeld, für’s Heroin! Adieu!“

„Ja. Okay! Bis morgen dann, gleiche Zeit? Ich werde da sein!“, verspreche ich feierlich. Das wäre doch gelacht. Ich winke ihm zuversichtlich und gehe nach Hause. Er blickt mir teilnahmslos hinterher. Ich sehe noch, wie ihm ein Passant einen Euro in seinen Becher wirft. Diese Idioten, denke ich.

Auf dem Heimweg kommen mir dann doch Zweifel. Ob das etwas wird. Ob das überhaupt etwas werden kann? 

***

„Wie heißen Sie eigentlich?, das hatte ich vollends vergessen zu fragen, letztes Mal!“ frage ich ihn am nächsten Tag.

„Is‘ doch boogey…“, sagte er, etwas fern im Geiste wirkend, „Nenn‘ mich einfach Diogenes! Besser als die Scheiße, die mir meine Eltern aufgedrückt haben…“

Wir schütteln also die Hände und beschloßen uns fortan zu duzen.

Zweites Kapitel

„Wollen wir nicht irgendwo einkehren?“, sinniere ich, „Du fühlst Dich hier wohl, ja, Du verdienst hier das Geld, das Du brauchst. Wenn aber unser deal stehen soll, dann musst Du auch erkennen, dass es mir hier nicht sonderlich gefällt. Ich würde vorschlagen, wir gehen ein paar Straßen weiter, in ein ganz gemütliches Gasthaus, sehr anständige Leute dort, ich lade Dich auf’s Essen und die Getränke ein und Du erzählst mir, was Du loswerden willst. Ich hoffe das ist Dir nicht allzu unangenehm…“

„Gut, gut, Nagismartina. Ich habe mir schon so etwas gedacht, habe mir alle Mühe gegeben mir so viel Kleingeld anzulächeln wie ich benötige – mein Heroin für heute habe ich! Von mir aus können wir los!“, sagt er und springt auf, packt seine Sachen zusammen und wir machen uns auf den Weg.

„Ich könnte sowieso eine Toilette gebrauchen… die haben doch kein Schwarzlicht auf dem Klo?“, fährt er strahlend fort, „ich hab‘ eh meine Stirnlampe mit….“, als wir durch die Stadt schlendern.

Im Restaurant bestellen wir ein Bier für jeden, dagegen hatte ich nichts einzuwenden – bestellen uns beide etwas deftiges zu Essen.

„Das finde ich toll und das finde ich anständig, dass Du noch nicht auf der Toilette warst!“, erkläre ich, als wir beim Bier auf unser Essen warten.

„Wie Du meinst!“, prostet er mir zu, „Das eilt jetzt auch nicht. Im Grunde reicht es mir zu wissen, dass ich versorgt bin. Außerdem möchte ich erst etwas essen. Sonst vergesse ich es ja doch wieder.“

„Kannst Du überhaupt noch einen klaren Kopf haben, wenn Du Dir einen Schuss setzt?“, frage ich, eher der Höflichkeit wegen als des Interesses.

„Naja. So ganz genau weiß ich das nicht. Es ist schließlich immer möglich, dass ich OD‘. So genau weiß man das nie, oder ich bin voll zerstört. Kann aber auch einfach nur gemütlich sein. Ich denke ich rotze nachher einfach ’ne Nase oder zwei, dann sind wir auf der sicheren Seite. Schließlich möchte ich ja schon auch noch ein wenig mit Dir plaudern.“

„Mir ist das irgendwie alles nicht so recht.“, sage ich, leicht frustriert, „Versprich mir, dass Du nicht aufm Klo verreckst! Ich habe wirklich keine Lust, das dem Wirt und der Polizei erklären zu müssen!“

„Ach iwo, sieh‘ es so: Du hast ja schon irgendwie einen positiven Einfluss auf mich! Normalerweise würde ich jetzt wohl bereits irgendwo glücklich am Boden mein Nirwana genießen…“, erklärt er mir, während er mir zuzwinkert.

Das Essen kommt und wir sind beide mit unseren Tellern beschäftigt.

„Schaust Du nach meinem Rucksack, bitte? Ich gehe mich mal frischmachen.“, schloß Diogenes das Mahl und verschwindet Richtung Herrentoilette.

Hoffentlich geht das nicht in die Hose. Das ist schon der letzte Dreck, diese Heroine, wortwörtlich. Von Rattengift über was weiß ich was für eine Scheiße, die irgendwelche Arschlöcher zum Strecken verwenden. Wie dumm ist das denn? Klar, so maximiert man den Gewinn für eine Zeit – aber die schwankenden Konzentrationen und der hinzugefügte Mist bringt die Leute doch mehr oder wenig schnell um die Ecke. Manchmal glaube ich Die Linke hat recht damit, alle Drogen legalisieren zu wollen. So verdient doch nur die Mafia und der Staat entzieht sich seiner Fürsorgepflicht. Aber dann denke ich an die Kinder. Die sterbenden Kinder. Lohnt sich da der ganze Aufwand überhaupt noch? Naja. Für eine gewisse Zeit sind sie natürlich treue Kunden. Ich werd‘ ihn das fragen.

„Wieso nimmst Du eigentlich diese Scheiße?“, frage ich ihn, als er wieder am Tisch sitzt. Er hat schon irgendwie glasige Augen. Hat er sich jetzt doch in die letzte Ecke seiner Seele gedrückt?

Er brauchte einen kurzen Moment, dann erwiderte er, wie schlapp: „Wie meinst‘ das?“

„Ja, das Heroin. Das ist doch buchstäblich Scheiße!“, verdeutliche ich mich.

„Blödsinn!“, grinst er gleichgültig.

„Von wegen Blödsinn! Da ist doch Rattengift drin und sonst ein Zeug! – warum fängt man überhaupt damit an sowas, …, damit?“, schreie ich fast, echt ein bisschen wütend und auf ihn zeigend.

„Hör‘ mal her… Ich erkläre Dir doch auch nicht, was Du so machst oder wie Du Dein Leben führen sollst. Wir sterben eh beide. Ich happy, du ignorant und unwissend.“, artikuliert er sich langsam und mir steigt der Blutdruck, „Gehst Du eigentlich zu Mc Donald’s? Isst Du Döner oder Fertigessen?

„Ja, schon…“, weiter komme ich nicht.

„You see? I might as well inquire the same of you! – Wie Luzifer Gott antwortete“, versucht er mich von irgendwas zu überzeugen, das ich nicht verstehe.

„Ja, Du kannst ja nicht einfach Äpfel mit Birnen vergleichen!“, ich darauf, und er: „Obst ist Obst – und beides ist mir Wurst. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!“, ich wieder: „Willst Du mich eigentlich verarschen?“, und er: „Nein. Danke für das Essen im übrigen. War echt lecker. Kann ich noch ein Bier…?“, ich: „… Ja… ich brauch auch noch ein Bier, glaube ich… Packst Du das denn überhaupt?“, wieder er: „Klar, sicher würde ich sonst fragen? Kellner! Noch zwei bitte!“, indem er mit dem Bierglas winkt.

Wir tranken also unsere Biere, ich bezahlte und wir machten uns wieder hinaus auf die Straße. „Wo lebst Du eigentlich?“, frage ich ihn etwas besorgt. Ich glaube, dass ich Streetworker bin, hatte ich gesagt. Da sieht man viel. Vieles davon hätte man besser nie gesehen. Einmal habe ich einen Alkoholiker betreut. Wie ich das erste Mal bei ihm in der Wohnung war, traf mich der Schlag: Er konnte die Toilette nicht mehr benutzen, also hat er einfach in die Badewanne gemacht. Weil Die Waschmaschine kaputt war hat er darin auch noch seine Wäsche ‚gewaschen‘. In der Suppe aus Kot und Urin. Warum frage ich ihn das überhaupt.

„Hier und da. Meistens da wo es mir gerade gefällt. Wenn Du lieb zu mir bist, lade ich Dich auch mal zu mir ein.“, worauf er draufloskicherte, „Ich lade aber auch nicht gleich jeden nach dem ersten date zu mir ein. Meine Privatsphäre ist mir wichtig. Außerdem machen Gäste nur Dreck!“

Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mich ständig verarscht. „Läuft das jetzt immer so?“, grummle ich.

„Wasn?“, er bleibt stehen und schaut mich fragend an. „Na das Du mich so verarscht?“, grummle ich weiter. 

„Also erstens verarsche ich Dich nicht“, greift er mir auf die Schulter, „wenn hier irgendwer irgendwen verarscht, dann Du Dich selbst, Martina. Aber lass uns nicht mehr darüber reden. Ich habe den Nachmittag heute echt genossen. Soviel Spaß hatte ich lange nicht mehr. Du, wie wird das Wetter morgen?“, schließt er wie ein Stück Käse  meinen verwirrten Magen.

Ich hole mein smartphone raus und schaue nach: „Gut, anscheinend, zwanzig Grad. Sonnenschein.“

„Was hältst Du davon, wenn wir uns morgen an der Schönblickhöhe treffen? Wär das geil oder wär das geil? Bei dem Wetter dann? So gegen Nachmittag, Abend?“, säuselt er.

Ich antwortete zögerlich: „Ja, gut – da ist aber ein Kinderspielplatz da oben. Versprich mir, dass Du Dir da nichts drückst!“

„Keine Sorge, ich werde fix und fertig gefixed sein!“, kichert er wieder.

„Und dann?“, will ich wissen.

„Dann Nag-nag-issa…, erkläre ich Dir endlich die Welt, auf dass Du erwachsen wirst!“, sagt er und klopft mir auf die Schulter.

„Dass ich erwachsen werde? Wunderst Du Dich immer noch, dass ich mir verarscht vorkomme? Wer hat hier ein Drogenproblem?“

„Bis morgen! Siebzehn? Ok?“ Und dann ist er auch schon um die Ecke verschwunden und ich stehe noch ein bisschen wie verloren da und weiß auch nicht.

Drittes Kapitel 

Das letzte Mal, dass ich an der Schönblickhöhe war, das ist lange her, da war ich noch ein Kind, das muss an einem Sonntag gewesen sein, mit meinen Eltern. Wir waren immer mit den Nachbarn spazieren am Sonntag und die hatten noch zwei Kinder in meinem Alter. 

Die Kletterpyramide von damals steht immer noch. Wie oft bin ich da runtergefallen!

Diogenes liegt in der Wiese am Hang, in der Sonne und schnarcht. Na super. Das kann heiter werden.

Ich setze mich neben ihn ins Gras.

„Du!“, fährt er hoch, „sagmal hatten wir nicht fünf gesagt?“

„Ja, fünf, sorry, der Bus hatte Verspätung“, sage ich ein bisschen bedröppelt. Ich bin unpünktlicher als jeder Junkie, das war schon immer mein Problem.

„Gut, dann lass‘ uns anfangen!“, klatsche Diogenes in die Hände.

„Womit?“, runzle ich die Stirn.

„Na, damit Dich aufzuklären, du oller Träumer!“, gluckst er.

„Ich kenn‘ mich aus mit den Bienen und so…“, sage ich nicht übermäßig gespannt.

„Schaumal, Du hast mich gestern zum Essen eingeladen und jetzt möchte ich mich bei Dir mit meiner Lebenserfahrung bedanken!“, erklärt mir Diogenes.

„Ok“, sage ich.

„Lektion eins: Gott und die Welt! Glaubst Du an Gott?“, fragt er mich.

„Ja, schon irgendwie. Ich denke ja. Früher mehr als heute, aber ja, schon“, sage ich ihm, schon ein bisschen genervt. Das Thema ist mir unangenehm.

„Bist Du Christ?“, fährt er fort.

„Ja. Schon – es wäre mir aber irgendwie recht, wenn…“, sprudelt es aus mir raus.

„Papperlapapp – Das ist wie mit dem Pflasterabziehen, kurz und schmerzreich und hinterher fühlt man sich super und ist stolz auf seinen Mut!“, hört er sich an, als sei er der Pädagoge.

„Na dann…“, ich bitte ihn zu beginnen. Um so schneller habe ich den Mist hinter mir.

„Gott und die Welt: die Welt, die kann man fühlen, sehen, riechen, die ist materiell und positiv und wahrnehmbar. Gott… das weiß man ja – und das leugnet auch kein Christ, ist das genaue Gegenteil. Soweit so klar. Bisher gibt es dagegen auch noch nichts einzuwenden. 

Wo es dann aber kritisch wird, ist folgendes: dieses nicht falsifizierbare Wesen fängt an sich atypisch zu verhalten. Kommst Du mit?“, wirft er ein.

„Ja. Schon. Was meinst du mit atypisch?, schlage ich den Ball zurück.

„Ist doch logisch: Eine nicht falsfifizierbare Geschichte lebt doch davon, dass sie so weit als möglich im Dunkeln bleibt. Sobald ich anfange das zu spezifizieren muss ich doch Gefahr laufen, mich in Widersprüche zu verwickeln. Was ich damit meine, ist folgendes: Angenommen, Gott existiert, ist aber, und das ist er ja offenbar, nicht wahrnehmbar. Warum um alles in der Welt sollte er dann zu uns sprechen. Oder noch verdächtiger: nur zu einzelnen Auserwählten? Oder sonst irgendwelche Dinge tun, die ihn falsifizierbar machen könnten? Warum das ganze Risiko, wenn man einfach mal die Jalousie hochziehen könnte? Und zwar so, dass es alle sehen – sollte ja ein Kinderspiel sein.“, verläuft er sich in Gedanken.

„Das sehe ich nicht so. Nenne mir ein Beispiel!“, fordere ich ihn.

„Da hab‘ ich jetzt auf die schnelle keins, außerdem bin ich ja Atheist. Ich kenne mich mit dem ganzen Quatsch nicht aus…“

„Du nennst es Quatsch, kennst Dich aber nicht damit aus…“

„Ja, na sicher. Du erklärst mir doch auch Heroin. Was anderes: Glaubst Du an die zehn Gebote?“

„Ja – ich meine, an denen ist ja nichts falsches…“

„Gut. Also es fängt ja erstmal mit dem sogenannten Monotheismus an, ich bin der bla, dein blubb und so weiter. Es fängt bereits damit an, dass man keinen anderen Spinat neben ihm haben soll. Suggeriert das nicht, es gäbe noch… andere Götter? Worauf ich hinauswill, ihr sogenannten Monotheisten ist folgendes: ihr habt von vorne herein den Monotheismus nicht verstanden. Und hinterher steht ihr da und stellt euch die Theodizeefrage, obwohl die Antwort doch ganz logisch sein müsste: Adolf-Dietrich Bonhoeffer-Hitler. Es gibt nichts an Adolf-Dietrich, das irgendwer für cool, erstrebenswert oder nett halten könnte. Er würde einfach nur nerven. Wozu sich also ein nicht falsifizierbares, amoralisches Wesen einrichten?“

„Du übertreibst maßlos!“

„Hörst Du mir eigentlich zu?“

„Ja schon, allerdings sind Deine Prämissen völlig falsch…“

„MEINE Prämissen?!

„Ja, sicher. Ich meine, seit Kant wissen wir, dass alles nur Anschauung ist. Mehr Vorstellung als Wahrheit. Du hast das geschickt angefangen, mit der materiellen Welt. Aber die ist doch letztlich auch nur Konzept. Du verrennst Dich da. Allein die Tatsache, dass wir uns nichts höheres vorstellen können, ja alles auf einen Urgrund reduzieren…“

„Wer verrennt sich denn jetzt hier? 3. 2. 1. 0. Schau, ich kann mir noch etwas größeres als die eins vorstellen, die null! Außerdem leben wir in einer Welt der Gegensätze, Kant hin oder her. Ohne das eine kann es niemals das andere geben. Materie/Antimaterie usw. usf. Die zwei ist wesentlich mächtiger als die eins. Eine zwei kann Kinder bekommen, eine eins nicht. Mann, jetzt lenke mich aber nicht dauernd ab, jetzt hast Du mich aus dem Konzept gebracht…“

„Du hast ein Konzept? Klingt göttlich – egal du warst dabei über den Monotheismus zu reden, ich konnte das sogar irgendwie nachvollziehen…“

„Genau. Eben, es ist ja auch Quatsch, ich meine jeder Monotheist ist mir bis aufs Mark suspekt. Jemand mit so einem Vorbild kann sie ja nicht alle haben. Vor allem, weil da noch die ganzen anderen Heinis rumfahren, Engel, Heilige, der Heilige Geist und der Jesus. Was hat das noch mit Monotheismus zu tun. Und komm‘ mir nicht mit dem scutum fidei, das ist nur ein Taschenspielertrick. Dazu habe ich nämlich folgende Frage: Wenn Gott ein Drittel von sich zum Sterben an‘s Kreuz nageln ließ — wie hat er sich denn anschließend wieder zu hundert Prozent selbst wieder hergestellt? Mit einem backup?

Aber das bringt uns auch schon wieder zu Maria. Die unbefleckte Empfängnis. Am Anfang war das Wort… der Plan. Das ist ja das, worauf sich vor allem Physiker gerne berufen. So praktisch, wie die Naturgesetze ineinandergreifen und wie alles Sinn macht und aufeinander aufbaut – toll! Wenn das nicht göttlich ist. Stellt sich nur wieder die Frage, wie in diesem System, Gott gleichzeitig darin und außenvor sein kann. Und ganz ehrlich: die Vorstellung ein vierzehnjähriger pickelgesichtiger Nerd habe unsere Realität programmiert finde ich nicht beruhigend. Sollte Maria nicht nur auf dem ganz normalen Weg schwanger geworden sein können? Ich meine, das würde ja sonst jedwede Planhaftigkeit widerlegen. Wenn es Gott war – wie hat er das denn hinbekommen. Den Plan gehackt? Wozu? Sollte Gottes Sohn nicht auch ohne einen solchen widrigen Umstand als solcher auffallen? Ist der einzige Grund ihm das abzukaufen der, dass seine Mutter … einfach… so… schwanger wurde? Ich würde mir da eher die Frage stellen, was das für ’ne Asischlampe sein muss. Also weil der heilige Bund ja sonst so hochgehalten wird. Sonst fände ich sie eigentlich ziemlich emanzipiert. Bestimmt war Josef so ein Schnellspritzer und zudem unfruchtbar. Oder homosexuell.

Da Du mich gar nicht unterbrichst, mache ich einfach weiter: was ist denn das überhaupt mit Jesus? Also das Augenfälligste: Was soll das, die Juden und Römer für seine Kreuzigung anzuschwärzen, wenn a) Gott dafür verantwortlich ist und b) der ganze Spaß ohne die Kreuzigung mit Vergebung der Sünden ohne selbige gar nicht denkbar gewesen wäre.

Ist der Typ denn nun von den Toten wieder auferstanden oder nicht? Weil dann hätte er ja irgendwie nochmal sterben müssen. Hat er sich dann selbst das Leben genommen oder wurde er nochmals gekreuzigt? Wenn Gott ihn zu sich gerufen hat – dann mitsamt dem Körper??? Wenn er nur kurz wieder am Leben war – war er dann nicht einfach nur ein Zombie? Was wollte uns Allah damit sagen? Was ein Unfug. Und gestorben für die Sünden aller Menschen? Wie jetzt? Kapiert denn keiner die Implikationen? Wenn ich ein pädophiler Päderast und zwanghafter Serientäter wäre, würde ich zur Katholischen Kirche gehen wollen. Da gibt’s das sorgenfreie Abo auf jede Schandtat mit 30-Tage Rückgaberecht, lebenslanger Garantie und 0%-Sofortfinanzierung. Jetzt habe ich mich wieder verzettelt, aber das wird einem ja auch leicht gemacht.

Was ich eigentlich sagen wollte: wenn Gott der einzige ist, dann ist er auch alleinverantwortlich und all sein Tun und Lassen jenseits von gut und böse. Er könnte uns demnach überhaupt gar keine moralischen Anweisungen geben. Er würde es auch überhaupt nicht tun, weil es ihn nämlich gar nicht interessieren würde. Du sollst nicht töten! Klar, aber Du sollst auch töten! Du sollst nicht Ehebrechen aber Dir die Bukkake-Bordell 1000+ Kundenkarte zulegen. Usw. Warte, ich drehe mir eben noch ein Tütchen.“

„Du lässt aber auch gar nichts aus. Es ist aber trotzdem inkonsistent, wie du das aufbaust. Ich bin kein Priester, habe nicht Theologie studiert, sonst könnte ich Dir deine Fragen beantworten… Schon fertig gebastelt… Na, dann mach weiter, es wird schon bald dunkel.“

„Ach komm, ich meine, das ist doch alles irgendwie klar, ich wette du verstehst es, willst es aber nicht verstehen. Im Grunde versteht das jedes Kind, wenn man es lässt. Folgendes ist doch auch offensichtlich: Die ganze Transzendenz, v.A. das Jenseits! Noch nie ist jemand aus dem Jenseits zurückgekehrt. Außer Jessas, aber auch hier stellt sich wieder die Frage: warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht. Das Jenseits als Verheißung. Da muss das Diesseits schon ziemlich beschissen sein, damit das überhaupt zieht. Wenn das Diesseits beschissen ist, dann seiet fruchtbar und mehret euch, auf dass es noch beschissener werde! Das ist aber auch schon alles, denn über das Jenseits wissen wir nichts, nur, dass wir die Katze im Sack kaufen. Für alle Ewigkeit. Und die ganzen coolen Leute, die mit Grips in der Birne und Eiern in der Hose, die sind alle in der Hölle. Sicher. (Das kommt davon, wenn man das Diesseits genießt! Eat this, happy, rich, beautiful and intelligent masterminds!)

Zu guter letzt und dann lasse ich Dich in Ruhe mit diesem Thema, für immer, versprochen: Ewigkeit. Unendlichkeit. Allwissenheit. Jedem Kind sollte doch klar sein, dass das nicht geht. Wenn eines alles ist, ist alles übrige nichts. Null und eins. Dann wäre doch im Endeffekt nichts außer Gott. Ich will das nicht ausschließen, aber dann wären wir beide Gott, zu einem gewissen Teil. Wenn Gott allwissend wäre, wäre er determiniert und unfrei. Über Determination reden wir ein andermal. Wenn Gott sich dadurch definiert, dass er unlogisch ist, z.B. dadurch, dass er jungfräulich gebären lässt und die Toten wieder auferstehen lässt oder durch null teilen kann –  wozu dann einen Gott? Der wäre dann unnötig, weil sowieso absolut alles denkbar wäre. Keine Ahnung, wie ich Dir das noch erklären soll. Wie gesagt, ich sage nicht: Es gibt keinen deistischen Gott. Es gibt nur 1000 logischere und konsistentere Erklärungen. Wenn Gott allmächtig ist – wofür braucht er dann das ganze Geld? Das war’s! Wie fühlst Du Dich? War das so schlimm?“

„Naja. Überzeugt hast Du mich nicht. Klar, verstehe ich, dass es Leute gibt, die Probleme haben, das zu glauben, aber deshalb heißt es ja auch Glaube. Mir gibt es Hoffnung.“

„Ja, Du bist schon ziemlich gehirngewaschen. Du plapperst nur irgendwelche hohlen Phrasen nach, die man Dir irgendwann mal eingetrichtert hat. Das ist schon ok. Ich bin Dir nicht böse.

Das einzige, was mich fertig macht, ist dass ich Dir gerade erklärt habe, dass es im Grunde, in reality boogey ist, ob es einen Gott gibt, oder nicht. Es gibt sowohl einen, 1000 und keinen Gott. Das bedeutet: keiner schreibt Dir vor, was Du tun und lassen sollst. Im Grunde wärst Du frei. Dich hat doch von Anfang an interessiert, warum ich Drogen konsumiere: Das ist ein Grund – man erklärt den Leuten etwas, aber es fällt einfach der Groschen nicht. Irgendwann hatte ich es einfach satt. Obwohl Gott technisch gesehen seit spätestens 200 Jahren der Wind aus den Segeln genommen wurde (manch einer mahnt zu recht, dass es schon weit früher geschah – doch man soll unnötige Frustration vermeiden, wo man es kann), tun immer noch alle so als gäbe es ihn und finden das sei noch nicht mal schlimm. Ich meine Du bist ja trotz alledem noch halbwegs normal im Kopf. Die meisten religiösen Menschen sind völlig meschugge und unzurechnungsfähig.“

„Schau, das verstehe ich sogar total gut! Warum hast Du das nicht gleich gesagt! Der Umweg wäre gar nicht nötig gewesen. Abgesehen davon: was stört Dich denn an gläubigen Menschen? Das ist doch vom Grundgesetz her legitim.“

„Nein, das war schon nötig so. Außerdem sind wir ja noch nicht fertig. Bisher wissen wir, dass ich religiöse Menschen verabscheue. Mir egal ob Buddhist, Moslem, Hindu oder Ásatru-linkswichser. Wenn Du magst, erfährst Du morgen den nächsten Grund. Naja und das mit den religiösen Menschen: lies Hans Jæger oder Michail Bakunin, wenn Du verstehen willst, warum mich das stört. Es ist stets totalitär im Auftreten und geht bis in den Intimbereich wenn man die Deppen lässt… Wie auch immer, ich persönlich würde gerne Schluss machen für heute. Ich brauch ’nen Schuss.“

„Ja, gut, ich muss eh früh raus morgen – wo treffen wir uns morgen? Auf‘m Zentralfriedhof???“

„Gute Idee! Das machen wir! Wieder um fünf? Ach äh,… Du kannst Du mir ’nen Zwanni leihen?

„Das war eigentlich ein Witz, aber ok. Was meinst Du?“

„Kannst Du mir ’nen Zwannie leihen?“

„Na servus!, also gut – aber ich bekomm‘ den wieder!“

„Danke, so klar! Und bis morgen!“

Und das war dieser Tag. Dieser Diogenes. Ja, er ist komisch, ja, er hat merkwürdige Ansichten und noch schlimmere Angewohnheiten. Aber komplett dumm ist er nicht. Sein einziger Fehler, so scheint es mir, wird es gewesen sein, dass er mit dem Heroin angefangen hatte. Sei’s drum.

Der Abend war trotzdem irgendwie nett. Ich muss sagen, das war ganz lustig heute. Wäre er nicht gewesen, von selbst wäre ich wohl so schnell nicht mehr auf der Schönblickhöhe gelandet. Aber das mit dem Geld – ich habe den Eindruck, den Schein sehe ich nie wieder. Was wohl morgen wird? Warum hab‘ ich den Zentralfriedhof vorgeschlagen?

Viertes Kapitel 

„Ich habe ja gesagt, also versprochen, dass ich Dich nicht mehr mit Religion nerven möchte. Das war gelogen. Ich habe nämlich vergessen Dir meine Definition von Religion mit auf den Weg zu geben“, sagte er, während er die Flasche Oettinger Spezial von den Lippen nahm. Wir sitzen auf einer Friedhofsbank. Warum der Friedhof! Und jetzt die Scheiße: „Zu meiner Verteidigung: ich bin Junkie. Egal, es ist doch nämlich so: woran erkennt man Religion? Easy as: Daran, dass es auf den ersten Blick keinen Sinn ergibt, und dass alle damit connotierten Handlungen nur einem Selbstzweck dienen und ansonsten jedweder Sinnhaftigkeit entbehren.“

„Wie auch immer!“, sage ich genervt, „Dass du lügst, wundert mich nicht! Aus Dir spricht doch nur das große H! Was ist denn aus den zwanzig Euro geworden? Weitere Junkie-Erinnerungslücken?“

Worauf er in seine Hosentasche griff, es hörbar klimperte, er eine Handvoll Münzen in die Hand  kruschtelte,  zwanzig Euro in ein und zwei Euromünzen im Schoß aussortierte und mir mit der einen Hand reichte, während er die Flasche mit der anderen Hand an die Lippen führte.

„Ja, nagut!“, antwortete ich betreten und fasziniert ob der Coolness zugleich.

Er rülpste äußerst guttural.

„Lektion zwei: Der Determinismus der menschlichen Entität.“, sprach er, wobei er ‚Entität‘ rülpste.

„Oh. Mein. Gott!“, sage ich übertrieben sarkastisch, oder sardonisch, wobei ich eigentlich gar nicht weiß, was die beiden Adverbien bedeuten. 

Und dann ging es auch schon los: „Zum Thema Determinismus: Mensch vs. Tier:

Das Einzige, was uns vom Tier unterscheidet, ist die Komplexität unseres Balzverhaltens. Da können Tiere nicht mithalten.

Denn es ist ja doch nur alles Balzverhalten: selbst das Versprechen nach einem besseren Leben, das die Säfte ungehindert fließen lässt.

Aber darauf will ich eigentlich gar nicht hinaus. Ich bin wie immer noch ein bisschen gemeiner. Es soll ja um Determinismus gehen. Daher folgender Einwand: Kann der Mensch überhaupt auf’s Brüten verzichten?

So alt sind Determinismus und Pessimismus bereits, dass ich daran stark zweifle. Im Gegenteil, heute diskutieren wir sogar chauvinistisch über die Geburtenquote und stellen mit einer Art Debilität fest, dass die (lebenswerte?) Gesellschaft (angeblich!) am schrumpfen sei. Statt die Sektkorken knallen zu lassen.

Es spricht die Realität: die Menschheit wächst und wächst. Können wir also etwa gar nicht anders?

Und hier passiert jetzt das, was der Mensch immer tut, er anthropozentriert das Thema und reglorifiziert den Menschen. Es wird so getan, als handle es sich um deliberate, bewusste Vorgänge, Akte der Weisheit und des Schöngeistes. Schließlich stehe der Mensch über allem, über der Flora und der Fauna. Schließlich planten wir ja das Ganze.

Nur der Mensch kenne dieses Glück Kinder zu haben, nur der Mensch denke, also sei er – obgleich er es nicht wagt zu wissen. Nur der Mensch sei sich seiner selbst bewusst, weshalb es sich um eine Willensentscheidung handeln müsse, dies beweise ja allein das soziologische und Kulturelle Kleid, das wir der schwangeren Ehefrau angelegt haben.

BULLSHIT!

Wenn dies so wäre – ganz in Anbetracht der Realität: Leute, dann müssten wir dasselbe ja den Tieren zugestehen. Projiziere ich nur elterliche Gefühle auf die Tiere?

Ich moniere das Kindchenschema, das kurioserweise über die Grenzen der Arten hinausreicht und funktioniert.

Dann müssten ja die Tiere sich selbst als Born der Zivilisation begreifen, als Träger des absoluten Glücks. Als willentlich Brütende, weil ihr Leben letztlich doch nur den selben Mechanismen unterworfen ist, wie das unsere.

In dem Moment aber, in dem wir den Tieren all dies absprechen erklären wir uns selbst für unmündig!

Hinzukommt, dass wir nicht in Tiere hineinschauen KÖNNEN. Und jedes Mal, wenn es uns doch gelingt, sind wir erstaunt: sei es ob unserer Nutztiere oder der Ziertiere wegen. Wir erkennen uns selbst in ihnen wieder. Es versteht sich von selbst, dass wir sie gar nicht kultivieren KÖNNTEN, wenn dem nicht so wäre.

Ich behaupte also: indem der Mensch seine Triebe kultiviert und als Willensentscheidungen verherrlicht und tarnt, versucht er zu suggerieren er sei kein Tier. Doch wissen wir wirklich, ob es die Tiere nicht genauso handhaben?

Denn, und das ist die ganze Zeit mein Punkt: Obwohl wir zu glauben wissen, obwohl wir zu wollen scheinen – das Resultat ist doch das selbe wie in der Tierwelt: wir brüten so lange, bis es nicht mehr geht. 

Die (übrigen Säuge-)Tiere jedoch würden niemals in den Tod oder den Hunger hineinbrüten, also wenn die Bedingungen für die Aufzucht nicht passen. So setzen sie eben eine oder zwei Saisonen aus. Wenn die Eltern hungern, sterben – dann wird nicht gebrütet. Oder es wird das schwächste Kind aufgegeben und aus dem Nest gestoßen. Alles andere wäre ja auch… unmenschlich? Und obwohl wir wissen, dass die Zukunft für unseren Nachwuchs nicht rosig aussieht (obwohl! wir ihn wohl noch groß gezogen bekommen werden) machen wir munter weiter. Irgend wer (Gott?) wird’s schon richten – oder, sollen sie halt selber schauen, wie sie das hinbekommen. Obwohl wir wissen, dass die Tiere viel unmittelbarer ihre Umwelt begreifen und sie fehlinterpretieren (weil sie uns nur bedingt in die Rechnung miteinbeziehen), weil sie nicht verstehen können, dass wir ihren Lebensraum und ihren Nachwuchs töten, zerstören wir unseren gemeinsamen Lebensraum und pflastern ihn mit den Leichen unserer babies. Das geht sich schon alles aus! Dies halte ich für den ultimativen Beweis unserer Animalität. Wie viel tierischer und triebgesteuerter, also, man kann es auch instinktbelastet nennen, geht es denn noch?

Es würde uns gut stehen, ein paar Generationen auszusetzen, uns selbst zu reduzieren. Solange wir dazu nicht in der Lage sind, sind wir Tiere. Auch die Menschheit ist nur so stark, wie ihr schwächstes Glied. Bevor es auch nicht der Letzte begriffen hat, sind wir Tiere. Scheiß auf DaVincis Madonna. (Auschwitz ist im übrigen kein Argument gegen meine Aussagen – es muss freiwillig geschehen und nicht aus Gründen des impertinenten Hochmuts! Vergast zu werden ist keine Willensentscheidung) Punkt.“

„Ja, nice auch, dass Du mich hast zu Wort kommen lassen!“, sagte ich irgendwie gelangweilt. „Außerdem bekomme ich langsam den Eindruck, Du wärst bescheuert. Ich meine, wir sitzen hier auf dem Friedhof – du trinkst dein drittes Bier – ich muss mir so einen Käse anhören und die Leute schauen schon.“

„Joa. Da gibt es so ein Gedicht, von einem Norweger, ‚Über das unbedarfte Brüten‘, oder so, das solltest Du mal lesen. Oder wie es Hans Jæger ausdrückte: Man kann seine Eltern nicht schlecht genug behandeln.“, erwiderte er trocken, „Denn wozu führt der baby-bomber stork-5k? Zu Krieg und Hass und Ausbeutung!“

„Für heute habe ich dann genug. Ich finde das alles hier geschmacklos. Wir sehen uns Morgen. Ich komm‘ Platte.“, sagte ich, um ihn zu ärgern.

„Kannst Du mir dreißig Euro leihen?“, murmelte er beiläufig.

„Ich habe doch gerade erst zwanzig Euro zurückbekommen. Außerdem waren das vorher mindestens vierzig Euro auf deinem Schoß!“, sagte ich perplex.

Und dann er wieder: „Siebzig. Wenn du mir noch dreißig gibst, kauf ich für Hundert und dann bekomm ich mehr. Ich könnte sogar einen Teil an Kinder verkaufen.“

„Du bist ein Arschloch!“, sage ich, „aber Gut, hier hast Du die Münzen zurück!“

Da grinst er mich an: „Zum Dank, weil Du soviel Wert auf Friedhofspietät legst, gebe ich Dir noch was zum Nachdenken mit auf den Heimweg. Du kannst Dir sicher denken, dass ich viel auf Friedhöfen abhänge. Was Du nicht weißt, ist was auf Fridhofstoiletten abgeht. Da gehen Jugendliche hin um sich heimlich einen Ofen zu drehen. Da sehe ich schwule Pärchen, da sehe ich Jugendliche, die offenbar auch kein Zuhause zu haben scheinen, zig Minuten lang verschwinden, hernach riecht‘s da wie im Puff. Und das ist nur wovon ich weiß! Also erzähl‘ mir nix über Pietät. In unserer Gesellschaft läuft von Grund auf was falsch! Denk drüber nach!“, winkt er und spaziert davon.

Mein Kopf raucht schon.

Fünftes Chapter

„Du bist echt ein Arschloch… ja, nimm das Geld, aber gib’s mir wieder!“, rufe ich Ihm nölend hinterher. Dann verabschiede ich mich winkend und gehe nach Hause. Irgendwo hat er ja schon recht. Trotzdem, das ist doch keine Art und außerdem führt es nirgendwo hin. Außer in die Gosse, das, Entschuldigung, sieht man ja.

Am nächsten Tag treffe ich Diogenes gegen siebzehn Uhr dreißig, der schon fertig gepackt und wartend am Boden lungert. 

„Unpünktlich wie immer!“, schimpft er grinsend und langsam mit dem Kopf schüttelnd.

„Klamm wie immer?“, erwidere ich schnippisch – worauf er mir dreißig Euro in zehn und zwanzig ct-Stücken, eingewickelt in einen Seidenschal (keine Ahnung, wo er den wohl herhatte?) in die Arme warf. Das hatte einen ganz schönen Schub, das Paket. Es waren im Übrigen dreißig Euro und zehn ct, ich hatte es später in einem unbemerkten Moment noch nachgezählt.

„Wo soll’s denn hingehen?“, fragte ich, meinen Brustkorb reibend. Ich hätte nicht fragen sollen, sondern selbst einen Vorschlag machen sollen. „Ja, bleiben wir doch noch ein bisschen hier?“, schlug Diogenes achselzuckend vor, „Erinnerst Du Dich noch an den Kaffee, den Du mir seinerzeit mitgebracht hattest? Den hier?“

„Ja, jetzt wo Du ihn mir vor die Nase hältst! Sonst hätte ich das ja bereits komplett vergessen!“, kam es mir sarkastisch – oder war das jetzt zynisch? – über die Lippen, „Was ist mit dem?“

„Einmal volltanken, bitte!“, bestellte Diogenes.

„Hast Du jetzt komplett den Verstand verloren? Hol‘ Dir halt selbst ’nen Kaffee!“, prustete ich.

„Hæ? Wer hat denn was von Kaffeeholen gesagt? Setz‘ Dich zu mir – sehr gut … ja, ruhig noch ein Stückchen nach rechts, gut… und dann stellst Du den Becher vor Dich, mitten vor die Füße der Passanten! Trau Dich. Weiter. Wei-ter. Gratuliere!“, instruierte er mich während er seinen Rucksack auspackte, mir eine Decke reichte und es sich selbst gemütlich einrichtete.

„Ist das Dein Ernst?“, fragte ich schockiert. Wenn mich da ein Kollege sieht. Oder noch schlimmer! Einer meiner Klienten! „Ernsthaft – mir ist das ein bisschen unangenehm! Was wenn mich da wer sieht?“, versuchte ich ihm klarzumachen.

„Jetzt stell Dich halt nicht so an! Wo ist das Problem. Das ist ehrliche Arbeit. Völlig steuerfrei! Ein Traum für jeden Selbständigen oder jede Ich-AG! In der Gründerzeit waren da sogar die ein oder anderen Superbettler darunter, steinreiche Charmeure! Hach ja. Und wenn die Osteuropäer kommen erkläre ich ihnen, mit einer Rasierklinge an der Pulsader, dass ich ein AIDS- und Hepatitis-Junkie bin und dann gehen sie in der Regel immer auch gleich wieder. Du siehst mir im übrigen auch nicht wie der Vorstand einer Bank aus. Was machst Du eigentlich so, beruflich?“, philosophierte Diogenes.

Da ich mich nicht traute ihm in die Sonne zu stehen, sagte ich trotzig: „Nagut! Ich bin Sozialpädagoge, kein Quatsch.“

„Ha! Herrje, das hätte ich mir denken sollen. Ach je. Wie auch immer, sieh‘ es so: Da lernst Du mal was, was Dir sogar für Deinen Beruf nützt! Vielleicht betreust Du ja mal Obdachlose, wer weiß, dann hilft Dir das echt weiter, dann weißt Du mal wie das ist. Probieren geht ja bekanntlich über Studieren.“, werde ich belehrt.

Da klingelt es auch schon in meinem Becher als die ersten Münzen hineingeworfen wurden.

„Ja, vielleicht, wer weiß. Ist Dir das nicht peinlich?“, frage ich neugierig.

„Wieso sollte es mir denn peinlich sein?“, antwortet er stoisch.

„Naja…“, weiter kam ich gar nicht.

„Findest Du ich sollte es unanständig finden, dass ich ungezogen bin, weil ich wohl keine Erziehung genossen haben müsse? Dass ich nur rumsitze und mir das Blut in den Adern optimiere? Dass ich ein schlechtes Vorbild bin, für die Kinder? Ist es das was Du mir sagen willst und was Dich daran beunruhigt?, nuschelt er mit einer Zigarette im Mund die er nach Beendigung der Ansprache anzündet und einen tiefen Zug inhaliert.

„Was wird das denn jetzt wieder?“, platzt es aus mir heraus, weil ich böses ahnte. Er würde doch jetzt nicht anfangen, den Klimawandel zu leugnen?

„Leksjon nummer tre – Erziehung…“, hob er an und seufze ich nur: „Oje…“.

Es klingelte in den Bechern als er fortfuhr: „Na schau – alles was wir sind, jetzt ziehe ich nochmal den Bogen von der Religion über die Determination und die Tierwelt: ist unsere Erziehung und unsere Gewohnheit, unsere Anlage, unser Milieu. Das bisschen wir selbst ist erschreckend unterernährt und kümmerwüchsig.

Man sollte bei Allem sparen und sich selbst kultivieren, optimieren, tätowieren, onanieren, redigieren und idealisieren! Dann könnten wir im Himmel leben. 

Aber wie ich schon einmal sagte, wenn kein Licht auf geht, beim Publikum – ist die Trauer groß.  Nach Mitternacht setzt die Verzweiflung ein! Und warum erlischt jedes Licht sofort nach dem Anzünden? Weil die Kerze im Regen der Erziehung und im Wind der Anlage steht! Wenn es ihr dann ersteinmal zur Gewohnheit geworden ist ständig zu erlöschen, dann mag sie auch irgendwann gar nicht mehr angezündet werden…“

„Welch Pathos! Oh, Diogenes! Wie der Narziss suhlst Du Dich in Deinem Ego! Alas, oh Weltschmerz! …“, sprach ich mit der Stimme eines antiken Schauspielers – was im weiteren Verlauf den Effekt hatte, dass mein Becher besonders laut klingelt.

„Erziehung kann doch etwas total Schönes sein. Das Weitergeben des Angesprochenseins der Begeisterung! Ich werde nie vergessen, zum Beispiel, wie mir meine Mutter früher den kleinen…“

„Unterstehe Dich diesen Buchtitel in meiner Gegenwart zu erwähnen! Das mussten wir im Französisch-Unterricht lesen! Ich hatte wochenlang Brechdurchfall. Ich weiß gar nicht, also das hatte nichts mit dem Buch zu tun, das war echt ein schlimmer Infekt, der da damals rumging. Aber das hat sich so eingebrannt und mit dem Buch assoziiert, dass es mir jedes mal im Magen grummelt, wenn ich den Titel höre! Der Pavlov Ivan!“, schrie er beinahe.

„Das ist ja süß!“, lachte ich, „sagmal – wie alt bist Du? Mitte dreißig? Ende dreißig? Was hast Du eigentlich beruflich gemacht? Falls Du das hast!“

„Was meinst Du?“, er, irgendwie schelmisch.

„Woher soll ich das wissen? Banker? Politiker?“, entfuhr es mir.

„Also gut – ich erzähle Dir meine Geschichte. Ich bin aber noch nicht fertig, mit meinen Auslassungen was die Erziehung betrifft! Das muss ich erst noch fertig erzählen. Kann ich darauf vertrauen, dass Du mir zuhörst, oder muss ich erst eine listening comprehension machen um zu eruieren ob ich Dir aus meiner Vergangenheit erzähle?“, er.

Ich: „Seufz. Lass‘ mich raten – Du warst Lehrer. Nun fahr schon fort…“

Sixième Chapitre

„………………………..Wie unsereiner doch seiner Kindheit beraubt wird, heutzutage. Stadtkinder. Smartphonezombletten, Internetgeister, und nebenher der ganze Leistungsdruck, wo nicht mal mehr Ritalin hilft um das ganze zu kompensieren – denn wir sind doch heute nur noch auf Performance gebügelt, die Zeitverschwendung, der ganze Mist mit: Du bist ein Deutscher! Sing, deutscher Hampelmann! Lies‘ unser deutschtümelndes Deutschtum! Erwähne niemals den Namen, des Einen, der nicht genannt werden darf, aber: Lächle! Und jetzt an die Arbeit! Schneller, Deutschling! Gründlicher, Duziduzideutscher! (Wobei er anfing mich zu kitzeln… mir gelang es aber nach kurzer Schrecksekunde ihn wieder abzuwehren.) Und weil das noch nicht reicht: Lobpreiset den Herrn, der euch dieses Garden Eden Lake Concentration Camp for the Lucky Few geschenkt hat!

In der Zeit könnte man auf exde deidsche Bäume klettern, die Schönheit von Gottes Schöpfung beim Toben am Bach im Wald erkunden! Was man nicht alles könnte. 

Unsere Kinder haben funktionierende Roboter zu sein, alles Kindsein wird ihnen systematisch ausgetrieben, sie werden zu ordentlichen Konsumenten herangezüchtet mit scheinbar religiösen Festen umgarnt, die eine besondere Signifikanz beim Verständnis des Jahesrhythmus besitzen, die Kauflust ankurbeln. Oder sonstwie korrumpiert. Aus einstmals ehrlichen, weltoffenen, lernwilligen Kinderzungen werden verlogene, gefühlskalte Heuchler aus dem rosa Marmor gemeißelt. Feindbilder und Damoklesschwerter werden ihnen aufgebürdet und über das einst stolze Haupt gehängt! Das ganze geht soweit von ihnen noch Dankbarkeit zu fordern, und, um es ad absurdum zu führen ihnen auch noch das Kinderkriegen nicht nur schmackhaft (weil chiffriert und tabuisiert) macht, sondern dessen grundsätzliche Grausamkeit auch noch zum Ideal verklärt wird.

All das ist doch eine Schande. Und weißt Du was? Ich lebe genau in einer Zeit, in der ich schon ziemlich blöd sein müsste, wenn ich nicht wüsste, was um mich herum passierte und passiert.

So frei wie ich als Kind gewesen war, war ich später nie wieder! Oh, welch wunderbare Zeit, die Latenzzeit. Draußen in der Natur, Freundschaften, die doch sehr schönen Kinder- und Jugendbücher, all das und noch ein ganzes Universum dazu. Aber je älter ich wurde, desto schlimmer wurde es: Zwar viel erst noch der Vormittag hinter der allsamstaglichen Schulbank weg, doch dann waren die Nachmittage ein für alle mal hinfort. Na und am Wochenende meinten es die Eltern dann besonders gut und man hatte wieder keine Freizeit.

In der Schulzeit, so mit vierzehn, da haben wir uns noch Springmesser und Butterflies gekauft, gingen an den Zigarettenautomaten, kauften uns Platten im Plattenladen, Bier im Supermarkt und machten unsere ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. Unsere Lehrer nahmen wir bestenfalls als die Witzfiguren wahr, die sie waren. Drogen bekam man plötzlich, eigentlich gar nicht überraschend, so im Nachhinein betrachtet, an jeder Straßenecke. Natürlich hatte uns einst noch ein ahnungsloser Polizistentrottel auf den gefährlichen schwarzen Mann aufmerksam gemacht und seine noch gefährlicheren Mittelchen, Pülverchen, Kräuterchen und Pillchen übertriebenst schlecht gemacht. Kennst Du das Buch ‚Trip.‘? O. M. G. Das war das erstmal die einzige Verantwortung die der Staat überhaupt bereit war zu übernehmen, später fand man sich dann fünf mal am Tag mit einer ‚allgemeinen Personenkontrolle‘ konfrontiert. Aber das war ja im Grunde auch nur ein Witz, vergisst man den Ton der Spaßpolizei.

Später wurde uns erzählt, ihr werdet alle arbeitslos wenn ihr euch nicht anstrengt, Butterflies und Springmesser waren inzwischen verboten für Erwachsene, für den Zigarettenautomaten braucht man jetzt ’ne Bank, die Platten sind plötzlich auf dem Index und nicht mehr erhältlich, mit Anfang Zwanzig bekommt man auch im Supermarkt kein Bier mehr, wenn man den Ausweis vergessen hatte und die Erwachsenen stellten sich als prüder heraus, als sie vorgegeben hatten zu sein. Und die Lehrer wurden erst an der Uni ernstzunehmende Menschen. Man wird doch einfach um seine Kindheit betrogen. Und schlechterdings auch noch um mehr und mehr seines Erwachsenenalters.“, schloss er, „Das war’s!“, sagte er und atmete aus, dann machte er ein Bier auf und warf den Kronkorken in meinen Kaffeebecher.

„Hey!“, beschwerte ich mich umgehend, und forderte ihn auf mir nun endlich zu erzählen, was sein Job gewesen sei.

„Nein, Du hattest recht. Ich war Lehrer, eine kurze Zeit…“, begann er.

„Ich wusste es!“, exclamierte ich stolz.

„Bravo, hier haste ’nen ct (lehnte sich vornüber und warf einen cent von seinem Becher in meinen). Wenn Du mich nochmal unterbrichst, hör ich erstmal auf, weil eigentlich wäre es höchste Zeit für ’nen Schuss bevor der Affe vorbeischaut. Also reiß Dich gefälligst zusammen!“, ermahnt er mich.

„…“, denke ich mir.

Dann fuhr er fort: „Ich war im Referendariat als es passiert ist. Das mit dem Heroin. Ich habe Grund- und Hauptschullehrer studiert. Ich war wirklich ein Idealist. Fast so wie Du. Weißt Du, meine Eltern haben mich dafür verabscheut, dass ich Zivildienst gemacht hatte, der war noch lang, damals – und dann Hauptschullehrer werden wollte. Warum für die Asis, warum das Pack, das ist doch wie Perlen vor die Säue, mach doch was Anständiges! Warum? Die mit den reichen Eltern haben’s doch eh! Die mit den Akademikereltern. Die müssen schon besonders beknackt sein, wenn sie davon nicht profitieren. Oder absolute Arschlocheltern die sie in die Psychiatrie kloppen. Aber die Schwachen in der Gesellschaft, die müssen schwach bleiben, damit sie auch schön ganz unten im Getriebe ihre Aufgabe erledigen, dass sie das tun, was ihnen gebührt und sie da sind, wo ihr Platz ist. Ich wollte mich derer annehmen, deren Geburt kein Sechser im Lotto war.

Das war Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger. Überall gab’s Heroin. Einmal habe zwei meiner Schüler – die waren gerade einmal dreizehn – dabei erwischt, wie sie Heroin snieften. Hab‘ ich die angeschrien und ihnen das Zeug entrissen, das hat sicher einen bleibenden Eindruck bei denen hinterlassen. Wenn ich euch noch ein einziges Mal erwische, landet das Zeug und ihr zwei beim Direx im Büro. Da sind eure Fingerabdrücke dran, wenn nicht sogar DNS. Da seid ihr weg vom Fenster! Jedenfalls habe ich sie nie wieder mit Heroin erwischt, ich glaube sogar die sind dann clean geblieben. Ich muss die wohl ganz am Anfang erwischt haben… Tja… Was sollte ich mit dem Heroin machen. Ich wollte wirklich nicht deren Zukunft versauen. Die hatten eine Chance verdient. Und dann dachte ich mir an einem Abend als ich Klassenarbeiten korrigierte, meine damalige Verlobte hatte ein paar Wochen zuvor Schluss gemacht, da dachte ich: nein, ich will wissen wie das ist! Was soll den bitte so toll daran sein, dass inzwischen sogar die Kinder bedingungslos der Heroine frönen.

Und das war der Abend meiner ersten Nase. Es hat mir so gut getan. Bitte verstehe mich nicht falsch. Fang‘ bloß nicht mit dem Zeug an! Und bevor ich mich versah habe ich mir das erste Mal die Nadel gesetzt. Ich hatte keinen guten Freund, der mich verführt hätte, nein, ich war es selbst, alle Techniken habe ich mir im Selbststudium erarbeitet. Ich war noch Lehrer ein paar Jahre. Zuerst ist es niemandem aufgefallen, aber irgendwann konnte ich es nicht mehr verbergen. Wenn ich zittrig ins Lehrerzimmer kam, mein Jackett über den Stuhl friemelte, die Umhängetasche auf den Stuhl drappierte, auf die Toilette verschwand und viel entspannter und zugedröhnter als nach einem Rendezvous mit dem Porzellan üblich, zurückkam. Naja und dann kam halt eins zum anderen, das muss ich Dir ja jetzt nicht auch noch erzählen. Das hast Du in Deinem Job bestimmt schon hundert mal gehört oder zumindest gelesen.“

Ich glaube ich war schon ein bisschen bleich um die Nase, weil er mich so besorgt ansah. „Das ist ja schrecklich“, sagte ich bedrückt.

„Schrecklich und schrecklich, wie man’s nimmt!“, erwiderte er trocken, „Ich kann eigentlich nicht klagen. Ob man auf Kapital und Konsum oder gleich auf Heroin ist – was macht das heute noch für einen Unterschied.“, fügte er hinzu.

„Deine Weltsicht war doch nicht immer so düster! Du könntest sicher immer noch ein prima Lehrer sein!“, sagte ich begeistert.

„Mit meinem Lebenslauf? Würdest Du mich da auf Kinder loslassen? Glaub‘ mir, das meine ich sogar Ernst – die hätt‘ ich mach vier Wochen alle an der Nadel hängen. Das muss echt nicht sein!“, erklärte er, sichtlich niedergeschlagen.

„Du, also morgen ist Sonntag.“, nahm ich das Wort an mich, „Da kommen mich immer meine Eltern nach der Kirche besuchen. Und ab Montag bin ich dann im Urlaub, in Bulgarien bis Samstag. Wir können uns am Sonntag in einer Woche wieder treffen, wenn Du magst. Ich würde mich freuen! Wieder um fünf? Sagen wir halb sechs?“

„Pass auf Dich auf! Also, gerne! Bis dann!“, lächelte Diogenes, “ kannst Du mir noch ’nen Fuffi leihen, bis Sonntag?“

„Ich hab‘ nur… ach was soll’s, hier, nimm'“, und drücke ihm einen Hunderter in die Hand.

Dann verabschiedeten wir uns und wir wünschten uns alles Gute. Erst zu Hause kam mir, dass er ja auch noch meinen Abendverdienst an Kleingeld einkassiert hatte. Was für ein Fuchs. Ein räudiger einer…

Det siste kapitlet

Es ist Sonntag, achtzehn Uhr … null-neun. Also nicht der Sonntag, sondern erst noch eine Woche später. Ich sehe ihn sitzen und schlapfe zu ihm herüber und hinunter.

„Wie war Dein Urlaub? Bei allem Respekt – Du siehst schrecklich aus!“, fragt er mich besorgt, aber lächelnd.

„Was? Quark. Ja, Du, sagmal…“, stammle ich.

„Was wird das jetzt???, wirft Diogenes ein, hektisch.

„Ja, nein, wegen der Hundert Euro…“, sage ich.

Diogenes entspannt sich: „Ach so, phew – nein, also sorry, so viel habe ich jetzt nicht. Ich kann Dir… vierundzwanzig Euro … vierun’dreißig geben.“

„Ich wusste es! Das war so klar!“, kontere ich laut.

„Nein, egal, jetzt erzähl schon! Wie war Deine Vergangene Zeit?“, sprudelt er vor Neugier. Da kam ich wohl nicht umhin:

„Ja, also. Also am Sonntag kamen meine Eltern, so gegen halb eins. Ja. Ach, das war grausam. Die haben irgend so einen Quatsch über Flüchtlinge abgelassen, kombiniert mit der frohen Botschaft der Nächstenliebe, aber bitteschön die Nächstenliebe der anderen, da gibt es ja noch genug andere Haustüren, die man aufmachen könnte und so weiter und so fort. Es war grausam. Da habe ich mir gedacht, das zahle ich ihnen heim, ich erzähle ihnen frei und frank – von meinem neuen Kumpel, dem Junkie aus der Bahnhofsunterführung.

Es war plötzlich wie in der Sesamstraße, also sobald die Kameras aus sind und miss Piggy in den Arsch gekniffen wird und der Spiegel mit dem Koks die Runde macht. Ach, was, schlimmer. Haben die mich zur Sau gemacht. Haben die Dich durch den Dreck gezogen. Ich hab‘ sie echt rausgeschmissen… (ich nicke) Haben die blöd geschaut. Ich glaube, ich glaubte, jetzt bin ich erwachsen! Jetzt bin ich’s! Und ich fühlte mich ganz frei.“

„Erzähl mir jetzt nicht…“, fährt mir Diogenes ins Wort.

„Wenn Du mich noch einmal unterbrichst, such‘ ich mir ’nen neuen Junkie als Freund“, weise ich ihn zurecht und fahre fort, „Jo. Und dann Bulgarien halt. Ich war am Sonnenstrand, zuerst. Es war eigentlich gar nicht so übel. Ein wenig arg touristisch gesehen überreizt, dann die ganzen krebsroten Skandinavier. Wie blonde Paviane. Nur eben, dass der Arsch das einzig weiße ist. Nessebar war echt toll. Aber auch da: Alles voll mit Norwegern und Dänen. Naja, jedem das seine.

Am Ende also ich war halb am Sunny Beach und den Rest dann in Sofia. Sofia ist schon eine beeindruckende Stadt auch, das haben viele glaube ich nicht auf dem Schirm.

Sofia ist eine hübsche femme fatale… Ja. Weil… also…“

Hatte ich nur den Eindruck, war es der Drang, die innere Unruhe, that unrest, oder wird er bleich um die Nase?

„… Da hat mich… Ja, also da hat mich halt der Typ angesprochen. Aber zunächst etwas anderes. Ich habe in Bulgarien einen alten Bekannten, witzigen Norweger getroffen, der konnte sogar echt gut Deutsch. Wir sind viel um die Häuser gezogen. Wir haben Adressen ausgetauscht und er hatte mir sogleich zurückgeschrieben (Ich reichte ihm den Brief und er muss dann wohl gelesen haben):

„Neulich bekomme ich nämlich einen Brief von diesem Bekannten aus Norwegen, Kristof. Kristof ist so ein typischer Norweger. Also, er geht nur zur Taufe und zur Beerdigung zur Kirche. Ansonsten ist er ein ganz normaler, klar denkender Mensch. Bis eben auf das Eine. Das habe ich ihm, als ich ihn in Oslo an der Uni im Austauschsemester kennen gelernt hatte, damals immer schon vorgehalten, diesen Widerspruch. Aber da ließ er sich auf nichts ein – das mit der Taufe sei wichtig und eine schöne Beerdigung wünsche sich doch jeder. Jedes ’naja…‘ verhallte stets fruchtlos. Aber wie gesagt, ansonsten war er nicht gerade auf den Kopf oder aufs Maul gefallen. In meinem letzen Brief an ihn hatte ich gefragt, was er meine: Welche der drei Religionen: Judentum, Christentum oder Islam findest du am lächerlichsten? Naja, und darauf hat er dann geschrieben:“, sage ich, während er bereits liest.

Ja, mein Gott, die Kristen. Die fallen als erstes. Warum?

Folkens, wenn die Bibel Gottes Wort ist, dann ist es ja quasi essentiell dieses so unverfälscht wie möglich wiederzugeben. Wir Hermeneutiker und Juristen wissen wohl, dass der Wortlaut von entscheidender Bedeutung ist. Streng genommen handelt es sich bei der Bibel doch um einen Vertrag zwischen Gott und dem Gläubigen. Da kann doch nicht einfach jeder dahergelaufene Pfaffe dran herum übersetzen wie es ihm passt.

Wo kämen wir denn da hin? Entweder hat Gott das jetzt gemeint oder nicht, aber wenn wir schon seinen Wortlaut und seine Wortwahl anzweifeln, dann wäre doch jede weitere Diskussion von vornherein absurd. Damit wäre bewiesen, dass die gute Nachricht in Wirklichkeit eine ziemlich schlechte Nachricht ist.

Und auch den echten Monotheismus lehnt ihr ab. Die Theodizee habt ihr immer noch nicht begriffen, beharrt aber starrköpfig auf euren falschen Schlussfolgerungen.

Und ich habe noch andere, schlechte Nachrichten für alle Orthodoxen jedweder Couleur: Ihr seid kein Stück besser!

Wenn ich Gott richtig verstanden habe, oder ihn einfach mal so wie ein paar andere einflussreiche GlaubensbrüderInnen es auch tun, interpretiere, dann gefällt es Gottbert wohl am Besten, wenn man ins Kloster geht oder Priester wird oder sonst irgendwie Asketiker ist. Was Gott euch damit sagen will: Hört mit dem Gebrüte auf! Betet mich an den ganzen Tag! Mir doch wurst, was aus euch wird. Hab‘ eigentlich eh ein neues Spielzeug. Verrat‘ ich euch aber nicht.

Angenehmer Nebeneffekt: Die Menschheit stirbt aus. Oder zumindest eben der Teil den eh keiner vermisst. Und es geht ja nicht einfach um irgendwas! Nein! Es geht ja schließlich um’s Seelenheil. Allein die Vorstellung, dass irgend so eine Nonne in den Himmel kommt und ich nicht, hat mir sogleich zu denken gegeben. Ich bin jetzt auch im Kloster. Es ist total scheiße. Aber dafür komme ich in den Himmel, und bei Dir muss Gott erst mal noch drüber nachdenken! Sonst könnte man ja gleich zum Sextourismus nach Swasiland reisen und bewusst keine Kondome einpacken. Risk-ey.

Dann füge ich hinzu: „Ich musste herzlich lachen. Jedesmal wenn ich denke, der ist Atheist oder Atheist light, Agnostiker – dann überrascht er mich mit einem neuen Blödsinn. Ich würde es ihm sogar zutrauen, dass er jetzt irgendwo in Cambodia in ’nem Kloster sitzt. Norwegians are crazy people.

Ja, also der Typ im Jogginganzug: (Diogenes reicht mir den Brief zurück. Seine Miene ist düster) Erst hab‘ ich’s ja gar nicht geschnallt, was er will. Ich dachte, der fragt nach dem Weg oder so. Also ich war erst schon ein bisschen vorsichtig, man hörte ja viel über Taschendiebe. Tja…nein und da hat er mir Heroin angeboten! Und ich hab‘ ihn erst angeschaut und… und dann habe ich ihm doch was abgekauft. Nur so. Ich nehm‘ das doch nicht. Ich kann’s ja in ein Verhüterli packen und mir in den Arsch schieben und Dir als Souvenir mitbringen, weil ich ja Deine Adresse nich‘ habe und Dir keine  Ansichtskarte schicken kann, belog ich mich selbst.

Na und im Hotel habe ich dann. Da habe ich halt. Aber ich bereue es nicht! Nein, das musst Du nicht glauben!“

Diogenes‘ Gesicht war inzwischen rot geworden, vor Wut, nehme ich an. „Du gottverdammter Idiot!!!“, schreit er mich an, so dass es in der Unterführung hallt und sich einige Leute erschrocken umdrehen oder stehen bleiben um Abstand zu gewinnen.

„Ihr seid doch alle komplett hirnverbannt! Das kann doch jetzt echt nicht wahr sein. Und jetzt willst Du vermutlich Heroin von mir! Ich fasse es nicht. Ich fasse es nicht. Das kann doch nicht…“, und dann bricht er in Tränen aus und vergräbt die Hände in seinem Gesicht während er lauthals schluchzt… Dann richtet er sich auf, bekommt eine ernste Mine, holt sein Besteck raus, kocht sich was auf, zieht die Suppe durch einen kleinen Wattebausch, kurz bevor er noch einen Spritzer Zitrone dazugegeben hatte, dann spritzte er sich die Suppe vor aller Augen ins Bein. An der Wade hatte er einen furchtbaren Abszess. Jetzt, wo das Hosenbein hochgezogen war… man konnte ihn fast riechen.

„Du dummes Arschloch!“, stammelte er, „Geh‘ mir aus den Augen, ich will Dich nie wieder sehen!“

Nachspiel

Eine Zeit war vergangen. Schon eine Zeit, ein paar Jahre. Diogenes hatte schon recht behalten. Ich wollte ihn nach diesem Tag noch einmal aufsuchen – aber da war er nicht mehr auf seiner angestammten Platte. Ob es ihm wohl gut ginge. Wo er wohl war, was aus ihm geworden sein mochte?

Ich übernahm also seinen alten hotspot da hatte er mir eine hübsche Nische hinterlassen – da ich nicht nur wie ein Fixer und Stricher aussah, ließen mich die Osteuropäer von Anfang an in Ruhe. Ich konnte alles anwenden, was ich in meinem Beruf gelernt hatte und was Diogenes mir beigebracht hatte.

Ich hatte ein faible dafür entwickelt, mich völlig angetörnt ins Planetarium zu setzen, so teuer ist das ja gar nicht und mir vorzustellen wie klein das alles ist.

Ich möchte nicht sagen, dass es schön war. Nein, aber einzigartig und mal was anderes. Alles hat seine Schattenseiten.

Ja, und dann passiert es: ich bin leicht angedröhnt da fährt es in mich und ich springe schwankend auf: „Diogenes!“, rufe ich mit offenem Mund.

Er kommt herüber. „Nein, dass ich Dich finde! Ja, es ist doch, als habe ich ganz unbewusst stets zu den falschen Zeiten hier vorbeigeschaut! Ich wollte mich doch bei Dir bedanken!“, und da fällt er mir um den Hals, „Aus der Entfernung hab‘ ich Dich dann beobachtet, aber nicht getraut…“

Sein schicker Anzug, die weiße Krawatte, es stört ihn nicht, wie ich aussehe. Wie er aussieht. Wie er riecht. Frisch rasiert und nach einem teuren aftershave. Was zur…

„Wenn Du nicht gewesen wärst! Ich bin Dir so unendlich dankbar. Weil Du mir die Augen geöffnet hattest! Ich kann mir meine Verantwortung nicht einfach in den Arm drücken. Wohin das führt habe ich ja entsetzlicherweise erfahren müssen. Als Du weg warst wusste ich es: So kann es nicht weiter gehen. Irgend wann ist Schluss. Ich sah mich selbst kurz nach dem Goldenen Schuss. Oh Mann! Nein, nein das will ich nicht! Jetzt habe ich einen großartigen Menschen seinen Mitmenschen entzogen. Die, die ihn so gebraucht hatten, ja hätten brauchen können. Deinen Job hätte ich freilich nicht machen können. Ich habe aber einen Job gefunden… Du glaubst es nicht! Ich bin wieder Lehrer! Ich arbeite jetzt sogar noch mit dem Schulpsychologen zusammen und unterrichte außerdem sogar noch Ethik und biete eine Philosophie-AG an! Na was! Ich war doch tatsächlich immer noch Beamter! Selbst hier in der Unterführung. Irgendwie ironisch, oder? Gut, Gehalt bekam ich nicht nachgezahlt. Aber sie haben mir mit einer Wohnung geholfen. Ohne Dich hätte ich nie so ein Glück gehabt! Wie kann ich Dir nur danken!“, schluchzt er mir hicksend ins Ohr.

Wie blöd kann man eigentlich glotzen. Ich habe keinen Spiegel – ich weiß es nicht. 

„Diogenes…“, stammle ich. 

„Ach, nenn‘ mich Martin, das ist mein richtiger Name!“, grinst er mir mit Tränen in den Augen entgegen.

„What… the… hell… on… earth….“, sage ich langsam, „Ich glaube das nennt man eine Epiphanie. Oder war das jetzt ein déjà vu? Jedenfalls ist der Groschen soeben bei mir Gefallen.

Veröffentlicht von Agimar N. Edelgranberget

I am insane.

Ein Kommentar zu “Der glückliche Heroinist, der mir weiland in der Bahnhofsunterführung auffiel

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