Leben, verschränkt

© MMXVII A. N. Edelgranberget

Die Besprechung war vorbei. Das meeting. Egal, er hatte sie alle in der Tasche. Zwei Dinge sind unabdingbar für den Verkauf: coachen und gecoacht werden. Da lachen die Leute immer, wenn er das sagt. 

Man braucht eine Idee, einen Plan, ein Produkt. Das ist die eigentliche Arbeit, wenn das Produkt oder das Projekt überzeugen sollen, zum Selbstläufer werden sollen. Die Idee kann aber noch so gut sein, wenn man sie nicht verkaufen kann, war alles umsonst. Je nachdem wie schlecht oder unbeeindruckend das Projekt, desto mehr muss der Verkauf stimmen. Es soll ja trotzdem ein Erfolg werden. Da muss man zur not kreativ werden. Nur Lächeln nützt oft nicht.

Egal, sein Projekt ist durch. Er sitzt im Büro, im Lehnstuhl, die Füße auf dem Tisch und drückt den Knopf der Gegensprechanlage: „Zwei Gläser Crystal, Jenny!“

Der Arbeitstag der glücklichen Einkaufsroboter ist vorbei. Er schaut in die schmutzige Hand. Es wird auch immer schlimmer. Elf Euro dreißig. Mein Leben war doch schon verpfuscht, von Anfang an. Da war nie etwas, alles Mist. Jetzt gehen sie alle nach Hause, ins Warme, zu ihren Kackfamilien, mit ihren Kackhäusern und ihren Kacksofas und ihrem Scheißfernseher. „Vodka. Zwei Flaschen.“

Die Sonne geht bald unter. Die Konkurrenz ist überall auf der Welt besser organisiert. Sogar als Penner wird man heute nur noch abgezockt. Er geht zum Lidl, nachdem er den ganzen Krempel in seine Taschen und den Einkaufswagen im Gebüsch gepackt hatte. Morgen gehe ich Pfandflaschen sammeln, denkt er dann: „End-schuldigense, jungs Fräulein, wosn hier da Puntinoff?“

„Ha!“, lacht er jovial, „Prost auch, was ein deal! Dass das alles so dermaßen glatt laufen würde. Danke nochmal an euch alle. Top Arbeit!“, er drückt den Knopf der Gegensprechanlage: „Eh, Jenny: noch eine Moët, bitte!“

Die Herren sitzen im Besprechungsraum und haben einen Vertrag zu feiern. Einer von der Sorte, einer von den Guten. Einer der beiden Partnern satte Gewinne verspricht, aber nur einen von beiden rechtlich voll absichert. Er liebte diese Geschäfte.

„Gut. Schluss für heute! Ab nach Hause! Wir sehen uns morgen früh! Schlaft euren Rausch aus, morgen ist viel zu tun.

Etwas später. Der Mann steht im Fahrstuhl, lächelt überlegen. Sehr schöne Zähne. Die Haare sind kurz. Frisch rasiert. Ein mittelalter Herr, eigentlich sehr gutaussehend. Designermaßanzug. Italienisches Leder an den Füßen. Seidenkrawatte, goldene Krawattennadel mit Diamant. Antike Zelluloid-Manschettenknöpfe. Schicker Aktenkoffer. 

Ding. Er steht im Parkdeck. Jupp, jupp. Der Bolide leuchtet kurz, er steigt ein und rast nach Hause. Zu seiner Familie. 

Zwei Flaschen Putinoff und ein paar trockene Brötchen, für mehr reicht das Geld nicht. „End-schuldigense, jungs Fräulein, hamse viel-leichd wieda was abgelaufnes, dasse eh wegschemiß’n wird, d’s-ich ham kann?“ 

„Tut mir Leid mein Herr, da müssten Sie nachher nochmal kommen, gegen einundzwanzig Uhr, wenn wir schließen.“

„Da binischon zu bedrunken, Danke.“

„Das macht dann zehn Euro siebenundachtzig, bitte“

Der Mann bezahlt, nimmt seine Brötchen und die Flaschen und geht nach draußen zu seinem Einkaufswagen. Eine Flasche packt er direkt ein, die Brötchen auch, die sind sein Abendessen. Dann nimmt er erst einmal einen großen Schluck Putinoff, zieht den Wagen aus dem Gebüsch und macht sich auf den Weg.

Der Mann läuft leicht vornübergebeugt, den Einkaufswagen den Berg im Park hochschiebend. Er ist mittelalt, die Mundwinkel hat es nach unten gezogen. Die paar Zähne, die er noch hat sehen scheußlich aus. Er schnauft arg. Die verklebten, verfilzten Haare sind lang und hängen ihm ins Gesicht. Sein Bart ist ungepflegt, angetrockneter Speichel hängt darin. Er sieht furchtbar aus. Bundeswehr-Parka, löchrige Jogginghose, ein alter Silberring am Finger, vermutlich ein Familienerbstück.

Ein überladener Einkaufswagen. Quietsch. Voll mit Sachen, Isomatte, Schlafsack, Pappe, Plastiktüten, Zeug. Rappel, rappel.

Wo wird er heute schlafen? Irgendwo wird es schön sein. Bestimmt findet er eine Brücke oder eine Unterführung.

„Kim!, Du bist zu Hause! – wie war Dein Tag, Liebchen! … die Kinder schlafen schon, habe sie vor zwanzig Minuten ins Bett gebracht.“, begrüßt ihn die hübsche Frau. „Schatz!“, ruft er und sie fallen sich in die Arme, küssen sich. Sie stehen vor dem großen Haus. Der Bolide parkt neben der Familienkutsche in der Einfahrt. Sie gehen nach drinnen. „Es gibt noch Ragout-fin, nichts besonderes, falls Du Hunger hast.“, sagt sie als er am ablegen ist. „Ich kenne doch deine Köstlichkeiten, von wegen nichts besonderes!“, schwärmt er, während er sich auf den Weg in die Küche macht. „Wie war Dein Tag? Ich habe heute wieder 150 Millionen unter Dach und Fach gebracht. Das gibt einen fetten Bonus – wie wäre es mit den Malediven, dieses Jahr. Wir alle vier!“

Nach dem Essen verschwinden die beiden ins Schlafzimmer. Er stöhnt. Er nimmt sie sich, wie immer. Dann schläft er selig ein. Morgen wird er früh rausmüssen.

„Mick!, alter Sack!“, ruft der junge Kerl. Schön Dich zu sehen, lange her! „Joa, – is hier kein Platz mehr zum Pennen oder was?, fragt er. „Nope, Mann, sorry, wir sind schon zu dritt. Aber oben an der Brücke is heute glaube ich noch niemand. Komm doch runter zu uns, wenn Du Dich eingerichtet hast.“, sagt der Junge. „Seh’n uns. Morgen, vielleicht…“, sagt der Alte und schiebt den Wagen weiter die Serpentinen und Schotterwege hoch zur Brücke.

Er mag die Stelle eigentlich viel lieber. Hat man einen guten Blick. Unter der Brücke ist nicht viel Platz, nur für einen, weil es geht recht steil herunter, kommt nur noch Gebüsch und dann ein Asphaltweg. Er verkeilt den Einkaufswagen, breitet die Pappe aus, Isomatte drüber, Schlafsack darauf, Decken drüber, schlüpft hinein, isst die Brötchen und dichtet sich ab. Die erste Flasche Putinoff ist leer, die zweite drittelt er noch, dann sinkt er in den Schlafsck hinab. Er stöhnt. Es ist hart und kalt.

Dann schläft er ein, er muss morgen früh raus. Die Überreste des Partyvolks werden eingesammelt werden wollen.

***

Am nächsten Morgen.

Der eine Mann steht auf, duscht, putzt Zähne, kleidet sich an. Er schaut lange in den Spiegel, ob auch alles sitzt, „sitzt!“, dann macht er es sich noch auf der Veranda gemütlich und trinkt einen Kaffee. Was für ein wunderschöner Morgen! Die Sonne geht gerade auf.

Der andere Mann räkelt sich auf. Macht die Pulle auf und entleibt die Flasche nochmals um ein Drittel. Es ist kühl, er sitzt apathisch da. Er schaut lange in sich hinein. Was für ein beschissener Morgen. Die Sonne geht gerade auf.

Klack, die Tür fällt ins Schloss, der Rückwärtsgang wird eingelegt, in der Tür steht noch Sie, die Kinder bereits hinter ihr, adrette Kinder, sie winken – der Motor heult auf, er winkt und rast hinfort. Durch das Wohngebiet, auf die Autobahn.

Krack, der Einkaufswagen wird befreit, er dreht sich nochmal um, da ist nichts mehr, er hat alles, sonst ist sowieso niemand da. Mühsam schiebt er den Wagen den Schotterweg zur Brücke hinauf. Durch den Wald. Es ist sowieso egal. Es ist eh alles scheißegal.

Auf der Autobahn. Stau. So eine Scheiße. Nichts geht mehr, er ist trotz seiner Person nun der letzte in der Reihe stehender Autos. Was für eine Scheiße. Er flucht. Dreht das Radio auf, Nachrichten hören. In der Halterung steht noch ein Kaffee. Er trinkt.

Auf der Brücke. Niemand. Optimal. Alles ist möglich, trotz seiner Person. Früher Morgen, alle schlafen oder sind auf dem Weg zur Arbeit. Idioten, denkt er. Er lacht, lacht herzlich. Das letzte Drittel Putinoff verschwindet im Hals. Er kichert.

Dann passiert es.

Der Laster, der vierzig-Tonner kommt angerauscht. Der Mann am Steuer schaut aufs Smartphone. „Scheiße!“

Der Penner ist fertig. Er hat genug. Es reicht. Die Verzweiflung kommt wieder angerauscht, es ist genug. Er steigt über das Geländer.

Der Lastwagenfahrer bremst, doch es ist zu spät. Er wird auf die Automauer drauf fahren, er reißt noch das Steuerrad herum. Im Boliden sitzt dem Mann und starrt gequält nach vorn.

Die Gedanken gehen nicht fort. Es muss ein Ende haben. Es endet ohnehin. Er springt. Es ist zu spät. Er wird auf den Asphalt fliegen. In der Luft hängt der Mann und sieht freudig nach vorn.

Plötzlich drückt das Gewicht von hunderten Tonnen Kim in den Rücken.

Zeitgleich drücken einige Hundert Tonnen Mick ins Angesicht.

Seine Knochen brechen und die Knochen von ihm.

Seine Eingeweide platzen und die Eingeweide von ihm.

Er ist weg und weg ist er.

Im Endeffekt, ist aber wieder alles in Ordnung. Nichts passiert, obwohl die beiden Geschehnisse 1203 km auseinander lagen.

Veröffentlicht von Agimar N. Edelgranberget

I am insane.

Ein Kommentar zu “Leben, verschränkt

  1. Haben Sie es bemerkt? Es geht um ein chinesisches Experiment in der Quantenphysik bzgl. Verschränkung von Photonen, 2017. Da mir anschauliche Beispiele immer die liebsten sind, kam mir die Idee zu dieser Geschichte.

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