Das Märchen vom Knecht Sadeem

© MMXVI A.N.E.

Es war einmal vor vielen hundert Jahren, es mögen auch tausend Jahre und mehr gewesen sein, da war die Welt noch voller Magie, voller Zauber und Rätsel, voller Schicksal und Pracht.

Zu dieser Zeit lebte der junge Sadeem im Hause eines berühmten Bogenmachers. Obwohl Sadeem ein ganz normaler Junge war, genauso neugierig, genauso verträumt und genauso erwartungsvoll, war er in der Familie des Bogners nur der Knecht.

Er hatte keine richtigen Eltern, an die erinnerte er sich kaum und wenn nur mit Abscheu, denn sie waren es, die ihn verkauft hatten. Natürlich war es ihnen selbst noch schlechter ergangen, der Vater Tagelöhner, die Mutter sammelte Datteln im Wald ohne die Erlaubnis des Dattelhainbesitzers. Sie mussten ihm einen neuen Platz in der Welt suchen, denn sie konnten ihn nicht ernähren. Sadeem wusste das, er verstand es auch, denn Meister Bogner hatte es ihm erklärt. Es war ja auch besser so, ein Dach über dem Kopf und ein voller Magen.

So war er eben der Knecht im Hause und musste Tag ein Tag aus das machen, was ein Knecht eben so macht, Fegen, den Abwasch, die Wäsche, die Pötte ausleeren oder dem Meister Boten- oder Liefergänge erledigen.

Einmal war er wieder dabei ein paar feine Bögen auszuliefern. Das machte er gerne, da hatte er ein wenig Zeit für sich selbst, da konnte er laufen und springen und schauen.

Da kam es ihm am Mittag, als er unter einer Palme saß und an einer Scheibe Brot knabberte: Hinter die Dinge müsste man schauen können! Dann wäre man reich und keiner könnte einem was!

Er betrachtete das Bündel mit den Bögen, die so fein gearbeitet waren, mit Intarsien und allem: Deshalb ist der Meister reich, weil jeder nur den schönen Bogen sieht, aber es ihm ein Rätsel ist, wie man so etwas mache, was dahinter steckt. Wenn man nur wüsste, was hinter allem steckt! Dann wäre ich der reichste Mann auf der ganzen Welt und alle, auch der Meister wären meine Knechte.

Es war einer dieser besonders heißen Mittage, die Sonne brutzelte erbarmungslos herunter und der Junge wusste, er müsse sich erfrischen, sonst schliefe er wohl ein. Unweit der Palme war eine kühle Quelle, da rannte er hin, fing das kalte Wasser mit den Händen auf, warf es sich ins Gesicht und dachte: Ach würde es doch reichen, alle Sachen zu berühren um zu Wissen, was dahinter steht!

Er verteilte sich sich das Wasser frisch von der Quelle über den Oberkörper und sinnierte: Ach führe einem der Geist, die Essenz von allem ein, sobald man es nur berührte!

Und er bildete aus den Händen eine Schale und trank von der Quelle während er träumte: Ach würde mir alles, das ich berühre seine Seele verraten, dann wäre ich stinkreich!

Sadeem wusste nicht, dass er damit ein Ritual begangen hatte, das viel älter war als die Palme an der er zuvor noch gelehnt hatte. Er wusste nicht, dass es sich bei der Quelle um eine magische Zauberquelle handelte, weshalb er stracks weiterging nachdem er sich erfrischt hatte und völlig vergaß, wo die Quelle war.

Nein, er machte sich zügig auf den Weg in die Stadt zu dem Herrn, der die Bogen bestellt hatte, denn er hatte so getrödelt, dass er jetzt spät dran war.

Auf dem Markt suchte er den Händler dem er die Bögen überreichen sollte. Er fand ihn zunächst nicht, und so schlenderte er zwischen den engen Gassen der Stände hindurch genoß die Gerüche, lauschte dem Gefeilsche und sah sich nach dem Händler um.

Als er gerade alle Hoffnung zu verlieren drohte, erblickte er ihn endlich, überreichte ihm das Bündel, nahm das Geld entgegen, wünschte noch einen schönen Tag und wollte gerade von dannen springen, da kam es wie aus dem nichts, er wusste gar nicht wie ihm geschah, das war wohl die reine Neugier, er nahm seinen Zeigefinger und setzt ihn ganz natürlich auf einen Gegenstand des Händlers, eben so einen den man noch nie gesehen hat und fragte: Händler, was ist das denn?

Im Umdrehen schrie der Händler: nimm deine dreckigen Finger von meiner… Scheiße!!

Der Knecht fuhr erschrocken zusammen und zog seinen Finger aus einem warmen Haufen Hundekot, den der Händler auf seiner Auslage drapiert hatte als handle es sich um ein wertvolles Kleinod.

Das nächste woran der Knecht sich erinnerte, war, dass er rannte, er rannte nach Hause, er wusste nicht wie ihm geschehen war. Auf dem Marktplatz war ein riesiges Tohuwabohu entstanden, ein Riesen Geschrei und Sadeem hatte die Beine in die Hand genommen und war gerannt.

Das war doch nicht möglich.

Als er an der Werkstatt ankam erblickte ihn der Meister und rief: Sadeem, da bist du ja schon wieder! Hat alles geklappt?

Sadeem war etwas bleich, aber er nickte: Ja, alles gut, hier ist euer Geld, Meister. Er griff in sein Bündel und dachte, wo denn der Beutel sein möge und was dieses und jenes sein mochte. Und er reichte dem Meister den Beutel mit…

Scheiße!, rief der Meister entsetzt, wo ist mein Geld! Und er griff ein Zwei mal Vier, das er zum Bogenbau verwendete, und verdrosch den Sadeem nach Strich und Faden und jagte ihn zum Teufel und verlangte ihn nicht eher wiederzusehen, bis dass Sadeem ihm sein Geld brachte.

Sadeem rannte, stolperte, sein ganzer Körper schmerzte ihn von der Tracht Prügel die er bezogen hatte und so brach er heulend und hungrig unter einer Palme zusammen und schrie: Was! Was! Warum wird alles, das ich anfasse zu Scheiße!

Da merkte er, dass es ihm auf merkwürdige Weise gelungen war hinter die Dinge zu sehen und dass im Grunde alles Scheiße ist.

Sadeem versuchte natürlich sofort die Quelle wiederzufinden, denn es war ihm klar geworden, dass dies wohl mit dieser zusammenhängen musste. Es war eine Scheiß-Idee, denn er konnte sie nicht finden.

So ging es Sadeem immer beschissener, denn wann immer er sich fragte, was er tun sollte, kam ihm nur Scheiße in den Sinn.

So tat er das Einzige, was ihm noch blieb: er legte Hand an sich und fragte wer er sei.

So kommt es, dass noch heute unter einer Palme in einer großen Wüste ein großer, marmorner Haufen Scheiße jeden übermütigen Wanderer ermahnt: Hier ruht Sadeem dem alles Scheiße war, möge er dem Vorbeiziehenden bezeugen, dass nichts Gutes aus unerreichbaren Zielen erwächst.

Vor vielen abertausend Jahren, auch noch vor hundert Jahren und manches Mal auch noch heute findet sich nach jedem Regenschauer die Sonne wieder an ihrem angestammten Platz. Und so rieb sich Sadeem verwirrt die Augen, sprang von der Palme auf, schnappte sich das Bündel und machte sich auf zum Markt um es für seinen Meister zu verkaufen.

Denn er würde nie vergessen, was der Meister eines Abends zu ihm sagte: Sei nicht traurig Sadeem. Die Enden des Bogens verbindet die Sehne, und alles sieht wie eine starke, gerade Linie aus. Man möchte denken, dass die Enden des Bogens sich ohne die Sehne niemals so sauber gegenüberliegen könnten. Und doch hätte die Sehne ohne ihren buckligen Knecht keine Spannung und wäre nur ein schlffer, nutzloser Riemen.

Veröffentlicht von Agimar N. Edelgranberget

I am insane.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: